Sieben deutsche Restaurants sind 1974 erstmals von den Michelin-Inspektoren in die Zwei-Stern-Kategorie aufgenommen worden. Seitdem ist dort ohne Vorbestellung kaum noch ein Tisch zu kriegen. Vor den Feinschmecker-Restaurants in Frankreich parken auch weit außerhalb der Saison fast immer deutsche Autos. Schließlich erreichen Kochbücher in der Bundesrepublik Auflagenhöhen, von denen auch prominente Literaten nicht zu träumen wagen. Sollten die traditionell an verfeinerter Küche desinteressierten Deutschen ein kulinarisches Bewußtsein entwickeln?

Der stern veröffentlichte unlängst eine Bestsellerliste der Kochbücher. Ich habe mir die drei Spitzenreiter gekauft und siehe da, sie taugen alle nichts.

Sie taugen nichts, weil sie dem Kochwilligen verschweigen, daß Kochen mehr ist als nur abwiegen, zusammenmischen und garmachen, daß es wie ein Handwerk gelernt und geübt werden muß. Sie taugen deshalb nichts, weil die abgedruckten Rezepte eine Ansammlung von Horrorgeschichten sind, die den Feinschmecker das Gruseln lehren. Und die wichtigste aller Küchenregeln, daß ein perfektes Essen nur mit Zutaten von erster Qualität entstehen kann, ist in allen drei Büchern unberücksichtigt geblieben.

Die kühnen Hoffnungen, die man angesichts der ausverkauften sieben guten Restaurants hat, sie fallen bei dieser Lektüre zusammen wie ein Souffle – für das in keinem der drei Bücher ein Rezept zu finden ist. Die alte Erkenntnis bestätigt sich von neuem, daß nämlich von einer Nation, die die Raten für ihre Zwölftausend-Mark-Autos an der Butter einspart, keine Eßkultur zu erwarten ist.

Eine Auflage von über einer halben Million hat der Spitzenreiter Brigitte Diät. Es ist vielleicht das deprimierendste Beispiel für die Situation in unseren Küchen, weil es kein Buch ist, durch das man kochen lernt, geschweige denn ein Buch, das die Absicht hätte, kochen so zu lehren, daß das Gekochte auch noch gut schmeckt; dieses Buch wurde geplant und gedruckt, um den Leuten das gute Essen zu verleiden. Es ist den Dicken Deutschlands gewidmet und bezeichnet sich als "Kursbuch zum Schlankwerden und Schlankbleiben". Dabei wird gleich zu Anfang die Schuld am Dicksein der Deutschen richtig auf die schlechten Eßgewohnheiten zurückgeführt.

Aber dann wird nur versucht, die Folgen dieser Eßgewohnheiten zu korrigieren, zum Beispiel so: "Kalbsschnitzel ohne Fett braten. Salzen und pfeffern. Auberginen in dicke Scheiben schneiden und in sehr wenig Wasser weich dünsten. Butter und Joghurt zugeben und mit Fleischwürze und Muskat abschmecken. Dazu drei Pellkartoffeln."

Terrorisierte Diätisten