Die Bedeutung von Griechenland, Zypern und der Türkei für das westliche Sicherheitssystem

Von Lothar Ruehl

Die zyprische Krise wirft ein Schlaglicht auf das strategisch-politische Sicherheitsproblem Westeuropas und der Atlantischen Allianz im Mittelmeerraum. Das Problem besteht im wesentlichen darin, daß die westeuropäische Randstaatenwelt an der Peripherie des eurasischen Kontinents der räumlichen Tiefe entbehrt und für seine Versorgung, für den Großteil seines Handels und – im Konfliktfall – für die Verstärkung seiner Verteidigung wie für seine strategische Abschirmung von überseeischen Ressourcen abhängig ist.

Diese überseeischen Verbindungen und Versorgungsstränge führen zu einem erheblichen Teil über das Mittelmeer in den Nahen Osten. Diese Abhängigkeit macht die westeuropäischen Industrieländer in einer Krise besonders empfindlich: Westeuropa kann schon ohne Krieg durch Machtentfaltung, drohende Manöver, Blockade von See her oder systematische Störung des Verkehrs auf den Schiffahrtslinien, durch Sabotage und Terror in größerem Maßstab unter Druck gesetzt werden. Die Schließung des Suezkanals 1956 und 1967, die Drosselung der Erdölförderung am Persischen Golf und die Embargodrohung der arabischen Staaten Ende Oktober 1973 bis Anfang 1974 – all das waren solche Akte der Pression auf den Lebensnerv der westeuropäischen Industriewirtschaft.

Westeuropa für sich allein hat nicht die militärische Macht, um sein mediterranes Umfeld in Krisen zu beherrschen, das heißt: gegen fremde Störungen zu sperren und seine eigenen Kommunikationen zu sichern. Die Atlantische Allianz kann dies dank der Präsenz der amerikanischen 6. Flotte und ihrer See- und Luftstreitkräfte, gestützt auf die Positionen in Italien, Griechenland, in der Türkei, auf Malta und Zypern.

Die Machtstruktur im östlichen Mittelmeer bis hin nach Nordafrika mit Ägypten, Libyen und Tunesien läßt sich vom Problem der europäischen Sicherheit ebensowenig abtrennen wie die Nordeuropas und des Ostseeraumes oder die Situation im Schwarzen Meer. Die Sowjetunion, die sich als eine "Mittelmeermacht" betrachtet, besteht darauf, daß die Verbindung zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer durch die Bosporus-Dardanellen-Meerengen nicht durch politische oder militärische Sperren willkürlich unterbrechen oder eingeschränkt werden dürfe.

Ursprünglich war der Nordatlantikpakt auf das eigentliche Westeuropa mit Italien als südosteuropäischer Abgrenzung und auf das westliche Mittelmeerbecken bis zur tunesischen Westgrenze zum damals noch französischen Algerien begrenzt. Die sowjetische Politik der Pressionen auf die Türkei und gegen Griechenland ließ die Ausdehnung des Pakts auf diese beiden Länder geraten erscheinen. Mit der Pakterweiterung wurde die mittelmeerische Südostflanke der Nato auf und über die Levante hinaus nach Kleinasien, zum Kaukasus und an die Grenzen Syriens, des Irak und des Iran vorgeschoben: Die Radaranlagen und Informationszentren des Luftabwehr-Führungssystems NADGE auf griechischem und türkischem Boden sind für die militärische Luftraumüberwachung der Nato über dem östlichen Mittelmeer bis in den Nahen Osten eingesetzt. Der Bündnispartner Türkei ist der orientalische Pfeiler der Atlantischen Allianz, zugleich ein strategischer Riegel zum Schwarzen Meer.