In den Börsensälen beherrscht die Sorge vor einem kräftigen Konjunkturabschwung die Szene. Auf die Aussicht, daß dann die Regierung rechtzeitig "gegensteuern" wird, wagt heute noch niemand zu investieren, obwohl wahrscheinlich ist, daß sich Bundesregierung und Bundesbank in der Konjunkturankurbelung nicht kleinlich zeigen werden. Vorerst wiegen jedoch die Schätzungen über die in diesem Winter drohende Arbeitslosigkeit bei der Tendenzbestimmung am Aktienmarkt schwerer.

Besonders betroffen davon sind die "Fußkranken" unter den Aktien. So wetteifern VW- und AEG-Aktien beim Marsch in den Börsenkeller. Beide haben zu Beginn dieser Woche erneut historische Tiefstkurse erreicht. Die Gründe für den Pessimismus sind allgemein geläufig. Das Volkswagenwerk steckt tief in den roten Zahlen. Prognosen gehen davon aus, daß sich daran auch 1975 noch nichts ändern wird. Überdies wird bezweifelt, ob der VW-Vorstand alle nur erdenklichen Maßnahmen ergreifen kann, um das Unternehmen zur Rentabilität zurückzubringen oder ob nicht vielmehr Rücksicht auf gewerkschaftliche Belange genommen werden muß.

Bei der AEG liegt die Sache anders. Das Unternehmen hat seine Umstrukturierung noch nicht abgeschlossen, befindet sich aber deutlich auf dem Weg nach oben. Er könnte durch eine Konjunkturflaute unterbrochen und die Gesundung verzögert werden. Der Kurs von 80 Mark zeigt den Vertrauensschwund deutlich an. Aber vielleicht wird der Pessimismus – genau wie vor einem Jahr – wieder einmal übertrieben.

Relativ gut behaupten sich immer noch die Aktien der Großchemie, deren Ertragssorgen vergleichsweise gering sind, während die Stahl-Aktien unter den Diskussionen über die mögliche Dauer des gegenwärtigen Stahl-Booms zu leiden haben. Die Meinungen gehen weit auseinander. Es gibt Experten, die noch kein Ende zu sehen vermögen, während die Stahl-Bosse selbst deutliche Moll-Töne hören lassen. An der Börse fragt man sich, ob der gedämpfte Trommelklang nicht bereits auf die bevorstehende Lohnrunde abgestellt ist, der – ob man will oder nicht – Signalwirkung beizumessen ist. K. W.