Von Barbara v. Ihering

Das Kinderbuch ist (wieder) brav geworden. Nach einer heftigen antiautoritären Phase, in der es sich, wortgewandt und respektlos, gegen die Heile-Welt-Tradition wandte, gegen alles, was nur von fern nach "erwachsen" und "vernünftig" roch, kehrt es zurück zum ruhigen, besinnlichen, zahmen Jugendbuch.

Zu diesem Ergebnis mag kommen, wer die mit dem Jugendbuchpreis 1974 ausgezeichneten Bücher einer flüchtigen Prüfung unterzieht oder auch nur auf die Verlagsnamen schaut: nicht der Willi Weismann-Verlag oder Neidhard Anrich, nicht Beltz & Gelberg oder rororo-Rotfuchs haben eine Trophäe davongetragen, sondern so etablierte Verlage wie Otto Maier, Sauerländer und Thienemann (der älteste deutsche Kinderbuchverlag überhaupt) und daneben eine, von viel weltweitem Renommee und Geld getragene Verlagsgemeinschaft,die "International Library".

Daraus rasche Schlüsse ziehen zu wollen, wäre allerdings ein Irrtum, denn die preisgekrönten Bücher sind im Jahre 1974 keineswegs unpolitischer geworden. Während sich im vergangenen Jahr das Interesse der Juroren auf Che Guevara einerseits und den innerfamiliären Autoritätskampf andererseits konzentrierte, galt es diesmal Themen, die durch die subtilere Darstellung nur scheinbar an Schärfe verlieren: der allmählich, im sauberen Betonkleid daherkommenden Zerstörung von Landschaft; der sogenannten Bewältigung der (deutschen) Vergangenheit, die zuletzt bei Jan Prochazka eine Rolle spielte; der phantastischen Schilderung eines sehr realen Problems menschlichen Zusammenlebens; schließlich der detaillierten Darstellung eines Spezialthemas der Biologie, der Mimikry.

Die Mitglieder des "Arbeitskreises für Jugendliteratur", die dem vom Bundesfamilienministerium ausgesetzten Preis von jeweils 7500 Mark an vier Bücher (von insgesamt 490 eingereichten Titeln) vergeben haben, fordern in ihrer Begründung, daß aus Kindern "kritische Leser von morgen" gemacht werden sollen (und sie beklagen das Unvermögen vieler Jugendbuchautoren, "soziales Engagement und Darstellung der realen Umwelt mit einer kindgerechten Gestaltung zu verbinden"). Die diesjährige Auswahl erfüllt nicht nur diese Kriterien, sondern darüber hinaus hohe sprachliche und künstlerische Ansprüche.

Jörg Müllers "Alle Jahre wieder saust der Preßlufthammer nieder" (Verlag Sauerländer, Aarau) beschreibt auf sieben Klappbildern die brutale Verwandlung einer Landschaft durch Bagger, Planierraupen und Kräne. Das Dorf, man sieht das nur ganz klein auf einem Stationsschild, heißt übrigens Güllen, wie jener Ort, der bei Dürrenmatt für Geld und hohen Lebensstandard einen Menschen zu opfern bereit ist. Hier werden indirekt Kinder geopfert, denen ihre Spiel-Umwelt genommen wird. Wie die Spiellandschaft mit Feldern, Teich und Bäumen zur betongerahmten Sandkiste verkommt, können Kinder durch genaues Hinschauen hier sehr leicht herausfinden.

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" (Verlag Maier, Ravensburg) ist die Schilderung einer (durchaus nicht nur freudlosen) Kindheit auf dem Hintergrund von Flucht und Verfolgung. Judith Kerr, die Tochter Alfred Kern, zeigt, was Emigration aus der Sicht eines Kindes heißt: das immer wieder Herausgerissenwerden aus gerade vertraut gewordenen Umgebungen, das immer neue Abbrechen gerade geschlossener Freundschaften.