Von Rino Sanders

Florenz, im Juli

Vor Jahren ging’s wie Sage unter südsüchtigen Bundesbürgern um, in der Toskana könne man für’n Ei und ’n Appel ein Anwesen erwerben: Retiro, Ruhesitz, materialisierter Traum. Das war nicht aus der Luft gegriffen. Mein so früh verstorbener Freund Günther Zacharias schrieb eine Geschichte darüber im Spiegel. Effekt: Es meldeten sich an die zweitausend Leute, sicher nicht alle ernsthafte Bewerber, Touristen wohl auch, die mal die Lage peilen wollten. Aber etliche fanden, was sie suchten und bezahlen konnten.

"Meldeten sich heute auch nur zwanzig", sagt mir Gerardo di Frassinetto, Sekretär der "Agriturist" in Florenz, "wir könnten ihnen nicht helfen." Die "Agriturist", die mit der Cassa di Risparmio di Firenze verbunden ist, betreibt eine vielfältige Aufwertung des ländlichen Lebens; Grundstücks Vermittlung ist nur ein kleiner, jetzt praktisch eingefrorener Teil ihrer Tätigkeit. Sie tritt dabei ohnehin nicht als Makler auf, sondern stellt nur Verbindungen zwischen den Interessenten her. Auf der Verkaufsseite gibt es einstweilen keine Interessenten mehr. Dies vorweg.

Mezzadria, Halbpacht, war in der Toskana wie in weiten Teilen Italiens, für Jahrhunderte die gesellschaftliche Form, in der Landwirtschaft betrieben wurde. Großgrundbesitzer liehen das Land an Bauern, die vom Erwirtschafteten die Hälfte abgeben mußten. Der Grundherr baute ihnen die Unterkunft. So entstanden übers Land verstreut, oft in schöner Lage, um die charakteristischen, zugleich ausblickenden und in Parks verborgenen Villen herum jene malerischen und für das Touristenauge romantischen Bauernhäuser, die heute auf dem Immobilienmarkt so begehrt sind. Die gewannen aber ihre heutige Gestalt nicht auf einmal. Die Bewohner bauten im Laufe der Zeit, Generation für Generation, nach den Bedürfnissen der Familie um und an, natürlich mit den Materialien und in der Tradition der Gegend. Man nennt das heute "spontane Architektur".

Das Mezzadria-System funktionierte, solange Grundherren und Pächter in einem sich selbst genügenden ökonomischen Verbund lebten und die genügsamen Pächterfamilien eine ausreichende Rendite herausholten. Das hörte mit dem Aufkommen der Maschine auch in der Landwirtschaft, mit der Industrialisierung und dem sich wandelnden Selbstverständnis der Abhängigen auf. Die Abwanderung in die Städte, die Landflucht, begann. Auch in der Toskana verließen die Leute das Land, um in der Stadt ihr Glück zu versuchen. Die Grundbesitzer versuchten oft nicht einmal, sie zu halten. Nicht ungern sahen manche die Altbauten leerstehen, die auf das heutige Wohnniveau auch einfacher Menschen zu bringen sie die Mittel nicht hatten freimachen mögen.

Aber wie rasch verkommt ein altes Haus, in dem niemand mehr wohnt!