Daß Kritzeleien in Büchern, Unterstreichungen (mit Tinte, Blei- oder Rot-Stift) und bis zu fünf Ausrufezeichen am Rand keinen Ärger, sondern auch einmal Erkenntnis bringen können, lehrt eine der skurrilsten, aber schönsten Veröffentlichungen zum Schönberg-Jahr, eine Faksimile-Ausgabe von Ferruccio Busonis kleiner Schrift "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst" aus dem Besitz und mit den handschriftlichen, im Anhang transkribierten Anmerkungen von Arnold Schönberg (herausgegeben und mit einem Nachwort von H. H. Stuckenschmidt; Insel-Bücherei 202; Insel Verlag, Frankfurt, 1974; 73 S., 30,– DM). Damit an der Gabe zum Doppeljubiläum (50. Todestag Busonis, 100. Geburtstag Schönbergs), die als Faksimile nur in 500 numerierten Exemplaren aufgelegt wird, ein größerer Kreis von Interessenten teilhaben kann, erscheint gleichzeitig eine preiswerte Doppel-Ausgabe im geschwisterlichen Suhrkamp Verlag, ohne Schönbergs Notizen in der Handschrift (BS 397, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 84 S., 8,80 DM). Im stummen Dialog des Schöpfers der Zwölftonmusik mit dem von ihm geschätzten "vornehmen und mutigen Künstler" Busoni, der in den "launisch wechselnden Protesten und Bekenntnissen" seines 1906 verfaßten "Entwurfs" ein "Stück echter Utopie" (Stuckenschmidt) geschaffen hat, entsteht ein Bild von Schönbergs Ästhetik auf der Folie der Kunstanschauung Busonis. Auf die hier abgebildete Seite schrieb Schönberg, mit rotem Stift, an den Rand: "Das bin aber wohl ich und nicht er! Auch das Wort ist von mir", und mit schwarzer Tinte: "Die Natur aber trifft das, wozu hier mehrere Etappen nötig sind, besser: sie stellt einen, einen einzigen Künstler hin, der das von vornherein kann; der damit geboren ist!" Auf den linken Rand schrieb Schönberg: "oder auch nicht: denn besser werden die Menschen nicht werden, weil die Musik besser ist. Wer jetzt Kitsch schreibt, wird auch dann nichts anderes vermögen!" und an den Rand unten: "Das ist aus dem Französischen. Es ist nicht nötig, unsere Sprache durch die Ausdrucksweise anderer zu verbessern!" R. M.