Von Karl-Heinz Janßen

Welch eine Wendung – in Athen tanzt das Volk auf den Straßen und glaubt das Ende der Unterdrückung gekommen, in Nikosia verschwindet eine Woche nach dem Putsch der Mörder Sampson in der Versenkung und räumt seinen Platz dem rechtmäßigen Vertreter des Erzbischofs Makarios. Wem ist dieser unerwartete Ausgang der Zypernkrise zuzuschreiben – dem Hasardspiel bornierter Offiziere, die ein Opfer ihrer eigenen Dummheit geworden sind, oder der türkischen Entschlossenheit, mit denen, die nur die Sprache der Gewalt verstehen, in derselben Sprache zu reden? Hat hier am Ende doch das Böse das Gute bewirkt? Mußten erst Hunderte, vielleicht Tausende auf Zypern ihr Leben lassen, damit in Griechenland und auf der Mittelmeerinsel wieder demokratische Zustände einkehren können und die Menschenrechte nicht länger mit Stiefeln getreten werden?

Das Frohlocken der Demokraten allenthalben, die Erleichterung in den Kabinetten von Paris, London und Bonn nach der zyprischen Krisenwoche ist nur zu begreiflich. Doch bei allem Jubel darf nicht übersehen werden, daß die Europäer und ihre amerikanischen Verbündeten wenig Grund haben, stolz zu sein. Ihre Ratlosigkeit beim Ausbruch der Krise, ihre Unfähigkeit, ein vertragsbrüchiges, brutales, größenwahnsinniges Regime früher in die Schranken zu weisen, resul-Regime nicht zuletzt aus dem Sündenfall von 1967, als wegen wohlerwogener bündnispoliti-1967, militärstrategischer und wirtschaftlicher Gründe erklärte Feinde der Demokratie in einer Allianz erklärte wurden, die zur Verteidigung der Freiheit angetreten war.

Eine regelrechte Aggression am Südrand Europas – aber die westlichen Demokraten wußten ihr zunächst nicht anders zu begegnen als in den dreißiger Jahren: mit "faden Erklärungen" (Willy Brandt), mit zeitraubendem Zureden, mit weichherzigen Kompromissen. Großbritannien, einer der Garanten zypriotischer Unabhängigkeit, sträubte sich, gemeinsam mit dem Vertragspartner Türkei die verfassungsmäßige Ordnung auf der Kriseninsel wiederherzustellen. Es bleibt nahezu unbegreiflich, warum nicht sofort eine kollektive Gegenaktion, womöglich ohne Blutvergießen, eingeleitet werden konnte, obwohl sich die beiden Garantiemächte, die Nato, der Europarat, die Europäische Gemeinschaft und die fünfzehn Mitglieder des Weltsicherheitsrates zumindest verbal einig waren, die Unabhängigkeit der Mittelmeerinsel wiederherzustellen.

Doch der entkräftete britische Löwe zeigte seine Krallen nicht. Lieber hofften Engländer und Kontinentaleuropäer auf Rat und Tat des Wunderdoktors Kissinger. Jene, die immer so beleidigt reagieren, wenn ihre Sorgen in Washington als regionale Nebensächlichkeiten abgetan werden, warteten auf den Weltgendarmen, der Griechen wie Türken ins Gebet nehmen würde.

Aber dies war eben keine Weltkrise. Der Weltfriede ist in keiner Minute gefährdet gewesen. Mochten der Papst, mochten aufgeregte Diplomaten den dritten Weltkrieg schon vor der Tür sehen, die Supermächte ließen sich durch die Kämpfe auf Zypern nicht aus der Ruhe ihrer Entspannung bringen. Vor sechzig Jahren löste eine Julikrise auf dem Balkan einen Weltkrieg aus, heute wird sie durch das Zusammenwirken aller Weltmächte nach einer Woche schon lokalisiert, eingedämmt, beigelegt. Etwa in dem Sinne, wie es Präsident Nixon und Generalsekretär Breschnjew Anfang Juli gemeinsam formulierten: "Erstrangiges Ziel aller Staaten und Völker muß es werden, dauerhafte Sicherheit auf individueller und kollektiver Basis in allen Gebieten der Welt zu gewährleisten, bestehende internationale Konflikte und Spannungsherde schnell und völlig zu beseitigen sowie das Entstehen neuer zu verhindern."

Wohlgemerkt: "bestehende Konflikte und Spannungsherde". Zypern war ein Sorgenkind der internationalen Diplomatie seit den fünfziger Jahren. Freilich – und das ist der einkalkulierte Nachteil des amerikanisch-sowjetischen Kondominiums – werden die, Weltmächte erst aktiv, sobald der Konflikt in unkontrollierbare Bahnen zu geraten droht. Vor der türkischen Landung auf Zypern waren weder die Interessen der Vereinigten Staaten noch die der Sowjetunion unmittelbar berührt. Der Putsch in Nikosia bedrohte nicht den mühsam stabilisierten Status quo, störte nicht die Balance zwischen den Atomgiganten. Den Amerikanern paßte der Sturz des zwielichtigen, neutralistischen Erzbischofs Makarios durchaus ins Konzept; den Russen konnte es nicht unangenehm sein, wenn sich Zyperns wegen zwei Nato-Verbündete in die Haare gerieten. Militärstrategisch hatte sich indes so gut wie nichts geändert – Zypern ist seit langem praktisch in die Nato integriert, ein Eckpfeiler ihrer Südostflanke.