Liberté, Egalité, Fraternité waren die Schlagworte der Französischen Revolution. Obwohl Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit damals wie heute für vieles herhalten müssen, das den idealistischen Intentionscharakter dieser Worte ins Banale herabzieht, haben es die Verfechter Rousseauscher Freiheitsideale verstanden, die Verwirklichung allgemeiner Grundwerte des Menschen auf ihre Fahnen zu schreiben.

Und wie sieht es damit am Vorabend einer politischen Einigung Westeuropas aus, einer Bewegung, die, führt sie zu einem Einheitsstaat Europa, die politische Landschaft mindestens ebenso radikal verändern wird wie die Französische Revolution?

Fragt man Politiker nach den Zielen eines Vereinten Europa, so rangieren an erster Stelle der Aufbau einer wirksamen Verteidigungsmacht, besonders gegenüber dem Osten, und die Schaffung einer wirtschaftlichen Großmachtstellung; kurz gesagt also, man will die europäische Geige ins Konzert der Großmächte einstimmen lassen. Doch fehlen ebensowenig Stimmen, die in Europa das Mittel zur Verbesserung des eigenen Lebensstandards oder die Möglichkeit einer chancengleichen Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten sehen, als auch solche, denen primär ein kulturelles Europa als historisch-ideenspendender Wohltäter der Menschheit als Hauptfaktor der politischen Einigung, und diese wiederum notwendig für ein kulturelles Aufblühen erscheint, das nicht andauernd von kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb dieses Kulturkreises erstickt wird.

Wie man sieht, ist allen Antworten gemeinsam, daß sie immer nur Europa, die Menschen Europas, den Wohlstand Europas, die Kultur Europas sehen. Dies ist sicherlich in einer Beziehung richtig und unbedingt notwendig, da wir ja zuerst einmal den Staat Europa schaffen müssen und es dazu Leute bedarf, die dem Volk und den Wählern eine politische Vereinigung mit diesen Zielen schmackhaft machen. Doch kann der letzte Sinn und Zweck einer Handlung von solch ungeheurer historischer Tragweite nicht in der Erhöhung der Zahl der Massenvernichtungsmittel oder der endlosen Steigerung des Sozialprodukts liegen.

Doch welche Ziele sollten wir dann verfolgen? Wir brauchen, so meine ich, nicht lange zu suchen. Die Bilder aus dem Nahen Osten, aus Äthiopien und zunehmend auch wieder aus Indochina sprechen eine zu deutliche Sprache, als daß man sie nicht bemerken könnte. Nach fünftausend Jahren Herrschaft des Homo sapiens ist es nun höchste Zeit, grundlegend an die Probleme von Krieg, Hunger und Elend auf der Welt heranzugehen, sie baldigst zu lösen und sich, das heißt der ganzen Menschheit, nicht nur einem Teil von ihr, die Erde Untertan zu machen.

Zunächst wollen wir von den Zukunftsprognosen ausgehen, die, wenn sie auch nicht immer in Erfüllung gehen, doch gewisse Tendenzen sichtbar machen. Danach wird sich die Bevölkerung in Asien innerhalb der nächsten dreißig Jahre verdoppeln. Das bedeutet, daß dann etwa einer Milliarde Wohlstandsbürgern in den wirtschaftlichen Ballungszentren USA, Europa und UdSSR etwa eine Milliarde bescheiden lebender Chinesen und über eine Milliarde fast verhungernder Inder gegenüberstehen werden, während auch in großen Teilen Afrikas und Lateinamerikas Hungersnöte das Bild beherrschen dürften. Daß eine solche Entwicklung verzweifelte Ausbreitungsversuche der Bevölkerung nach sich zieht, und, falls die übrigen Länder bis dahin ihre egoistische Einstellung nicht geändert haben, ein verheerender Krieg weite Teile der Welt überfluten könnte, sollten wir aus der Geschichte bereits gelernt haben.

Nun, an erster Stelle muß eine rigorose Geburtenkontrolle in den von der Überbevölkerung bedrohten Gebieten durchgeführt werden. Ich will dabei die wirklich schwerwiegenden Bedenken zumeist kirchlicher Kreise keineswegs mißachten, aber sollen wir uns noch Jahrzehnte über das schier unlösbare Problem von Leben, Lebenswert und allen daraus erwachsenden Folgerungen für Gesetz und Moral herumstreiten, wenn es dann bereits zu spät sein wird und wir keinerlei Kontrolle mehr über die von Kriegen zerrissene Welt haben?