Das Lokomotivrad dreht sich – Zwei große Bahnlinien werden zur Zeit gebaut: in Rußland und Afrika

Von Karl-Heinz Arndt

Aus der Sowjetunion, von fern hinter dem Ural her, dringen Nachrichten in die Welt, daß eine zweite Bahnlinie quer durch den eurasischen Kontinent gezogen werde. Vom "schwierigsten Eisenbahnprojekt, das je zu verwirklichen war", ist die Rede; und so, wie die Sowjets das verlauten lassen, klingt es gar nicht triumphierend, sondern ernüchternd. In dem Superlativ steckt die Erklärung, warum das Unternehmen nur langsam vorangeht. Erst 180 der 3200 Kilometer auf der neuen (weit nördlich der alten angelegten) Transsibirischen Eisenbahn sollen bislang befahrbar sein.

Aus Schwarzafrika ist gemeldet worden, daß die Uhuru-Bahn ihrer Fertigstellung entgegeneile. "Uhuru" heißt soviel wie "Freiheit", ökonomisch nüchtern wird diese Linie von Daressalam, der Hauptstadt Tansanias, in das Kupferzentrum von Sambia, über 1850 Kilometer, die Tansam-Bahn genannt. Seit vier Jahren schuften chinesische Ingenieure und zwanzigtausend chinesische Arbeiter sieben Tage in der Woche an der Trasse. Weitere zwanzigtausend eingeborene Arbeiter müssen mithalten. Einen Kredit in Höhe von 1,5 Milliarden Mark hat Maos Regierung für diesen Bahnbau gegeben, rückzahlbar in dreißig Jahren von 1983 an.

England machte den Anfang

Das aber ist sicher: In zwei Weltgegenden ist die Eisenbahn wieder einmal dabei, die Lebensart der Menschen auf eine Weise zu verändern, wie man es in Ländern, in denen die Eisenbahn längst selbstverständlich und mittlerweile vielleicht lästig ist, sich gar nicht mehr vorstellen kann. Die herumwieselnden Motorfahrzeuge und die stratosphärenhoch dahindröhnenden Jets haben hier vergessen lassen, was die Eisenbahn alles rasch und gründlich bewirkte, zunächst im Mutterland der technischen Revolution, in England. Arthur Elton, der Historiker der "British Railway", faßte es in ein paar Sätzen zusammen, die nur dann banal wirken, wenn man sie mit dem Hochmut der Gegenwart liest:

"Millionen reisten, die vorher niemals gereist waren. Ohne die Bahn wäre die Massenverbreitung billiger Literatur unmöglich gewesen. Die Ernährungsgewohnheiten in den Städten änderten sich; zum ersten Male konnten die meisten Stadtbewohner Frischgemüse erhalten. Die Bahnen wurden zum größten Arbeitgeber des Landes. Sie erst ermöglichten den Exporthandel des 19. Jahrhunderts, indem sie die Güter preiswert zu den Häfen beförderten. Sie revolutionierten die Regierungsmethoden, weil die Parlamentsmitglieder von ihrer Wählerschaft nun nur noch Stunden und nicht mehr Tage entfernt waren..."