Heinrich Bölls Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum"

Von Rolf Michaelis

Dies ist die Geschichte einer Empörung. Ein sanfter Mensch schlägt um sich. Eine junge Frau mit dem Symbolnamen Katharina Blum, von einer rücksichtslos auch das private Leben ihrer Bürger vermarktenden Gesellschaft in die Enge getrieben, richtet die Pistole auf den unschuldig-schuldigen Menschen, in dem sich ihr die Anonymität einer aus sex and crime Profit ziehenden Welt verkörpert, auf den skrupellosen Reporter einer Schmierzeitung, der nach dem dramaturgischen Gesetz der Namensgebung in diesem Werk zum Tod bestimmt ist: Werner Tötges.

Katharina, die siebenundzwanzigjährige Tochter eines Bergarbeiters aus Gemmelsbroich, Kellnerin, staatlich geprüfte Wirtschafterin, eine hübsche, "sehr kluge und kühle Person empfindet nach ihrer Tat "keine Reue". Sie stellt sich der Polizei. Nachdem sie durch die Ermordung ihres "Rufmörders", der die Unschuldige mit Lügen und diffamierenden Sensationsberichten zur Komplizin einer Gruppe politischer Verbrecher gemacht und so ihr Leben zerstört hat, ihre "verlorene Ehre" wiederhergestellt glaubt, erwartet sie im Untersuchungsgefängnis ruhig ihr Urteil.

Die 58 Kurzkapitel der Geschichte, in verschiedenen Erzählhaltungen vorgetragen, spielen vom 20. bis zum 24. Februar 1974, vom Vorabend der Weiberfastnacht bis zum Karnevalssonntag, in der "fröhlichen Stadt", einer Metropole rheinischer Ausgelassenheit, also in Bölls Köln –

Heinrich Böll: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann", Erzählung; Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1974; 190 S., 19,80 DM.

Dies ist die Geschichte einer Empörung in doppeltem Sinn. Ein sanfter Mensch, der einzige Erzähler deutscher Sprache, auf den das Wort zutrifft, mit dem seine Titelgestalt Katharina Blum ihre Freunde kennzeichnet: gütig ("Im Protokoll stand ‚nett zu mir‘, die Blum bestand auf dem Wort gütig, und als ihr statt dessen gar das Wort gutmütig vorgeschlagen wurde, weil gütig so altmodisch klinge, war sie empört") Böll schlägt hier um sich. In die Enge getrieben von einer bestimmten Art deutscher Presse, der man zu viel Ehre antut, wenn man ihr den schmucken Vornamen Boulevard läßt, spitzt Böll die satirische Feder. In dem Augenblick, da er nicht mehr als PEN-Präsident diplomatisch Zurückhaltung üben muß, veröffentlicht er, was ihn seit den Verfolgungen – es gibt kein höflicheres Wort – der "Springer-Presse" vor zwei Jahren bedrückt.