Von Wolfram Siebeck

Das absolut schlechte Hochsommerwetter (schrieb die Süddeutsche Zeitung) bedroht die Umsätze in Biergärten, Eisdielen und Freibädern ebenso wie in Geschäften, die mit sommerlicher Ware gefällt sind." Damit wird auf die Empfindlichkeit hingewiesen, mit der Umsätze auf das Wetter reagieren. Früher hätte die Zeitung vielleicht geschrieben: "Das absolut schlechte Hochsommerwetter verdirbt den Münchenern die Lust am Bier und Eis, erspart ihnen aber auch Ausgaben für neue Badekleidung." Damals war es noch üblich, den Menschen und seine Gefühle in Beziehung zum Wetter zu setzen. Aber das war das Wetter von gestern. Heute gibt es nur zwei Wetterarten: Entweder bedroht es den Umsatz oder es fördert ihn. Wie wir überhaupt nur noch unterscheiden zwischen umsatzfreundlichen und umsatzfeindlichen Ereignissen. Die Kämpfe auf Zypern haben, wie wir den Nachrichten entnehmen konnten, zuerst einmal die Umsätze der Touristikunternehmen bedroht. Mehr braucht nicht gesagt zu werden, um das Unsinnige, ja Verbrecherische von kriegerischen Auseinandersetzungen zu charakterisieren!

Doch nicht nur schlechtes Wetter und anhaltender Kugelregen gefährden den Umsatz unserer Sandalenhersteller; auch strahlender Sonnenschein über einer friedlichen Landschaft hat umsatzschädigende Folgen: Gummistiefel und Holzbeine sind dort kaum noch umzusetzen. Daß die Sonne bisher zu einseitig als positive Erscheinung angesehen wurde, erweist sich auch an den furchtbaren Einbußen der Mineralölgesellschaften, dereit Heizölumsatz durch die sommerliche Jahreszeit ernsthaft bedroht ist.

Wie verdienstvoll sind deshalb die Initiativen selbstloser Umsatzschützer! Da haben wir die um Frieden und Entspannung bemühten Politiker, die als Garanten für die Umsätze der Touristikbranche unentbehrlich sind. Da warnen andere immer wieder vor Truppenreduzierung und Spannungsabbau, weil sie sich um den Umsatz in den Nachtlokalen der Garnisonstädte sorgen. Zu den Umsatzschützern zählen auch die Gegner der Schwangerschaftsunterbrechung, denen die Umsätze der illegalen Abtreiber nicht gleichgültig sind. Und es gehören alle dazu, die gegen die 0,8-Promille-Grenze sind, weil diese den Umsatz der Brauereien bedroht.

Doch sie alle, einschließlich der Pyromanen, die sich für den Umsatz der Streichholzindustrie einsetzen, sie können die drohende Gefahr nicht völlig aus der Welt schaffen. Sie haben viel geleistet; vieles, das dem Umsatz gefährlich werden könnte, haben sie beseitigt. Doch ob die Sonne durchbricht, wenn Regenmäntelherstellergerade Hoffnung schöpfen ob Friedensverhandlungen – in dem Moment zum Ziel führen, da Holzkreuzschnitzer eine Umsatzsteigerung erwarten; ob sich jemand entschließt, den Neuwagen nur noch so groß zu kaufen, wie er ihn braucht; oder ob ein Konsumverweigerer sich erhängt: Unser gesellschaftspolitisches Ziel haben wir noch nicht erreicht. Erst wenn Kirche und Staat gemeinsam das Recht auf steigenden Umsatz zu ihrem obersten Leitsatz machen, erst dann können wir eine unpassende Sonne gelassen über uns scheinen lassen.