Wilhelm Hahn, der baden-württembergische Kultusminister, hat eine Leiche im Keller. Im Neuen Schloß in Stuttgart, seinem Amtssitz, hütet Hahn ein 33seitiges Papier, das er nicht einmal freigab, als SPD-Abgeordnete ihn mit einem parlamentarischen Antrag zwingen wollten, es dem Landtag vorzulegen.

Es handelt sich um die "Leitstudie zur Situation der Hauptschule in Baden-Württemberg", die das staatliche Institut für Bildungsplanung und Studieninformation im August 1972 im Auftrag des Kultusministeriums anfertigte und die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat und vom Ministerium auch heute noch als Entscheidungshilfe benutzt wird. Hahn behielt die Untersuchung unter Verschluß, weil sie, wie er erklärte, keine repräsentativen Aussagen mache und methodisch ungenügend sei, denn sie stütze sich nur auf eine Befragung von zwanzig Personen.

Das ist richtig; doch die Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, daß ihnen außerdem "noch Unterlagen aus mehreren hundert Gesprächen mit Eltern, Lehrern und Schülern zur Verfügung standen". Methodische Unzulänglichkeit und mangelhafte Gültigkeit scheinen demnach nur vorgeschobene Argumente des Ministers zu sein, zumal Hahn und sein Haus der Expertise bescheinigten, sie enthalte "bedeutsame Anregungen" und berühre "ernste Probleme"; ja, die Studie diente dem Kultusministerium sogar "als Material für die Verwirklichung des Schulentwicklungsplans I".

Daß nun gerade Wilhelm Hahn eine solche Erhebung zur Geheimsache macht, entbehrt nicht einer gewissen Komik, da er derjenige von allen Kultusministern der Bundesrepublik sein dürfte, der mit Abstand am meisten Schriftliches produzieren und publizieren läßt. Sein ausgeprägtes Bedürfnis, sich mitzuteilen, und sein beständiger Veröffentlichungsdrang haben bereits zu Millionenauflagen von Broschüren, Papieren und Plänen geführt. Warum wird der Öffentlichkeit dann eine Studie vorenthalten, die immerhin so substantiell ist, daß sie zum Grundlagenmaterial staatlicher Planungspolitik taugt?

Mit gutem Grund natürlich. Denn die Untersuchung stellt zum erstenmal offiziell fest, was bislang immer nur vermutet und geargwöhnt wurde: Die Hauptschule ist offenbar am Ende. In der Studie heißt es: "Kennzeichnend für die allgemeine Situation der Hauptschule sind die mit den Schlagworten ‚Auspowerung‘ und ‚Auslaugung‘ gemeinten Probleme des bedrohlich wachsenden Abbaus des Begabungspotentials in dieser Schulart, ihre mangelnde Attraktivität für die Lehrer und das unzureichende Ausbildungsniveau der Abgänger am Ende ihrer Schulzeit."

Wieder einmal also scheint ein Programm der Kultusminister gescheitert zu sein, die 1969 gemeinsam beschlossen haben, die Hauptschule zu einem eigenständigen weiterführenden Schulzweig neben Real- und Oberschulen zu machen. Es sprechen zahlreiche Anzeichen dafür, daß es in anderen Bundesländern ähnlich ist wie in Baden-Württemberg, und dort ist es schlimm genug. Nach der Leitstudie

  • stammt die Mehrzahl der Hauptschüler aus den unteren und mittleren Sozialschichten, Akademikerkinder sind deutlich unterrepräsentiert (zum Beispiel waren in Baden-Württemberg zum Schuljahrsbeginn 1972/73 von den insgesamt 70 801 Schülern in fünften Hauptschulklassen 39 445 Arbeiterkinder, nur 639 waren Kinder von Akademikern);
  • leiden viele Hauptschüler unter der negativen Einschätzung durch die Öffentlichkeit, vor allem Begabte fühlen sich "diskriminiert";
  • gibt es für das Fach Arbeitslehre, das nach dem Plan der Kultusminister ein Schwerpunkt der Hauptschule sein sollte, "noch keine konkreten Lehrpläne"; Betriebspraktika vermitteln den Schülern häufig "ein relativ oberflächliches, einseitiges und wenig realistisches Bild der Betriebe";
  • bleibt die Einteilung der Schüler entsprechend ihrer Leistung in unterschiedlich schwere Kurse (Differenzierung) "trotz mancher Vorteile unbefriedigend";
  • bedeutet der Lehrermangel "eine wesentliche Ursache für viele Schwierigkeiten"; dabei hat das geringe Prestige der Hauptschule eine fatale Folge: "Vor allem junge aufstiegsorientierte Hauptschullehrer wandern ab", so daß die Qualität der Lehrer immer schlechter werden muß;
  • ist die Möglichkeit für Hauptschüler, auf Realschulen oder Gymnasien überzuwechseln (Durchlässigkeit), "unzureichend" und gelingt nur "in seltenen Fällen".