Frankfurt/Main

In Frankfurts Vorort Oberrad, in einer bescheidenen Dachwohnung, lebt Dr. phil. Carl Riedel. Er ist fast 78 Jahre alt und Witwer. Carl Riedel ist seit 1917 kriegsbeschädigt. Sein Hauptproblem ist der Parkinsonismus, das heißt: Seine Hände zittern so stark, daß ihm jedes Hantieren sehr schwerfällt. Er traut sich in kein Lokal, weil er Angst hat, durch seine Zittrigkeit Anstoß zu erregen.

Das Zittern seiner Hände bringt jedoch noch andere Schwierigkeiten: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind auf Automaten abgestellt: Wer in Frankfurt mit der Straßenbahn fahren will, muß vor Fahrtbeginn an einem Automaten die Fahrkarte lösen. Wie man aber die Geldmünzen in die schmalen Schlitze einwerfen soll, wenn man Parkinsonismus hat, wird niemand – auch niemand von der Behörde – demonstrieren können. So ist Carl Riedel von der Beförderung mit den städtischen Verkehrsmitteln ausgesperrt.

Deswegen hat der ehemalige Altphilologe beim Sozialamt, bei der Fürsorgestelle für Kriegsopfer, einen Antrag auf eine Freifahrtgenehmigung gestellt. Dies müsse der Stadt um so leichter fallen, meinte Carl Riedel, da er ohnedies nur selten die Straßenbahn benutze. Ein Problem, das sich einfach erledigen ließe, denkt der Laie. Doch er hat die Rechnung ohne die Bürokraten gemacht. Der Antrag wurde abgelehnt.

Der fast 78jährige könnte freie Fahrt haben, wenn er einen Schwerbehindertenausweis hätte, der ihm eine starke Gehbehinderung bescheinigt. Doch er leidet nun mal unter dem Zittern seiner Hände. Allerdings bliebe noch eine Möglichkeit: Wäre er zu 70 Prozent kriegsbeschädigt, hätte er automatisch freie Fahrt. In einem Gutachten bescheinigt seine Hausärztin Hanna Loos-Asteroth: "Wie ich schon mitgeteilt hatte, erlitt Herr Dr. Riedel am 9. 10. 1917 eine Granatsplitterverletzung mit Zerstörung des linken Schultergelenkes und nachträglicher Versteifung des linken Ellenbogens. Seit dieser Zeit ist der rechte Arm überbelastet, da der linke Arm dauernd geschont wird. Diese einseitige Belastung hat zu einem vorzeitigen Verschleiß der Halswirbelsäule geführt, so daß seine Beschwerden sicherlich auf die Kriegsverletzung zurückzuführen sind." Doch der ärztliche Dienst des Versorgungsamtes kam zu einem anderen Ergebnis und bescheinigte Riedel zu 50 Prozent eine Kriegsbeschädigung und stufte den Rest der Leiden als "Zivilschäden" ein.

Carl Riedel hat im Juni dieses Jahres noch einmal darum gekämpft, Frankfurts Straßenbahn benutzen zu können. Zwei (privat)ärztliche Gutachten stützten ihn. Am 20. Juni erhielt Riedel wieder einen ablehnenden Bescheid. Denn er könne ja noch gut gehen.

Bei der Fürsorgestelle für Kriegsopfer beteuern der Bezirksbeamte Hartwig und der Leiter der Kriegsopferfürsorge, Hofmann, keine Auskünfte geben zu dürfen. Schließlich finden sie sich zu dieser Erklärung bereit: "Nach den vorangeführten Gesetzen und den dazu ergangenen Richtlinien (von 1965!) ist es uns nicht möglich, da in vorliegendem Falle das Versorgungsamt entschieden hat, daß bei dem Mann eine Schwergehbehinderung nicht gegeben ist."