Liebespaare unter Gasmasken, ein abgehackter Penis in Großaufnahme, schwüle Spiele mit Muttchen, sabbernde Epilepsie, orgiastischer Kannibalismus, ein Hauch von Nekrophilie: Auch in seinem zweiten Film versammelt Fernando Arrabal wieder die wüstesten Obsessionen, schwelgt in Schock- und Ekelbildern, stellt sich aus als blasphemischer Provokateur und anarchistischer Bürgerschreck.

Der da läuft wie ein verrücktes Pferd, immer hübsch untermalt vom Getrappel der Hufe, ist ein schöner junger Mann namens Aden (zusammengesetzt aus Adam und Eden), der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen Karlheinz Böhm besitzt. Auf der Flucht vor der Polizei trifft er in der Wüste einen bärtigen Gnom namens Marvel, der wiederum eine gewisse Ähnlichkeit mit Arrabal aufweist. Der Zwerg, ein naives, unschuldiges Naturkind, das in Frieden mit sich und seiner Umwelt lebt, zieht mit seinem neuen Freund in die Stadt, wo er staunend den Lastern der Bourgeoisie begegnet. Schließlich wird Aden erschossen und von Marvel aufgegessen. Natürlich kommt auch Jesus vor, in diversen Ausführungen sogar, und in Rückblenden wird das unordentliche Familienleben Adens aufgerollt, der einen ausgewachsenen Ödipuskomplex mit sich rumschleppt.

Arrabal hantiert mit den vertrauten Symbolen des spanisch-katholischen Surrealismus so einfallslos, schwerfällig und pompös, als habe es Buñuel, auf den er sich nebst Picasso immerhin beruft, nie gegeben. Die meisten Bilderfindungen sind kraftlose, glatte Arrangements, so pittoreskbeliebig wie Warenhausdekorationen.

Ganz anders als in seinen Theaterstücken läßt Arrabal der Phantasie des Zuschauers keine Entfaltungsmöglichkeit. Alles wird schön ordentlich doppelt und dreifach ausgedrückt, durch das Bild, durch den Text, durch die Musik. Zum Einzug der beiden Freunde in die Stadt ist ein deutscher Militärmarsch zu hören: pseudokritisches Kabarett. Das kannibalistische Finale ist gar mit einem "Dies Irae" unterlegt: eine Idee, die jedes schlicht aufklärerische WDR-Fernsehspiel zieren würde.

Die vermeintliche Provokation schrumpft auf ein paar Ekelbilder zusammen. Doch Exkremente ersetzen keine Gedanken. Dafür fällt Arrabal den Zuschauer mit tiefsinnigem Blödsinn an: "Das Fernsehen ist eine blinde Frau, die Philosophie lehrt und die schmutzigsten Gedanken hervorkritzelt."

Luis Buñuel ist subversiv und leise, Alexander Jodorowsky, mit dem und Topor zusammen Arrabal die "Gruppe Panik" gegründet hat, gibt sich in seinen Filmen "El Topo" und "The Holy Mountain (bald in Deutschland unter dem Titel "Montana sacra" zu sehen) als gigantomanischer Berserker, der dem Zuschauer eine Sturzflut von aberwitzigen, irrsinnigen Bildschocks um die Ohren schlägt. Arrabal bringt beides nicht zustande, weder die explosiven Zwischentöne noch das große surrealistische Tam-Tam. Sein Film ist fast schon der Offenbarungseid eines Künstlers, der nichts mehr zu sagen hat, der seinen Mangel an Erfindung und Reflexion dann freilich nicht zum Thema macht, sondern durch halbherzige Sensationen zu verschleiern sucht.

Ganz selten gibt es in "Ich werde laufen wie ein verrücktes Pferd" dann doch einige Momente von merkwürdig spontaner Schönheit, sperrige Bilder, die sich der eindeutigen Interpretation entziehen. Wenn Marvel, der Zwerg, selbstvergessen in einem Löwenkäfig zu Rock-Rhythmen tanzt, vertraut Arrabal für einen Augenblick der unmittelbaren sinnlichen Faszination. Doch die Verbalisierung wird flugs nachgeliefert: "Er ist wie ein Kind, so poetisch", heißt es von Marvel. Und damit ist sie wieder hin, die Poesie.

Hans C. Blumenberg