Während der nationalsozialistischen Herrschaft ist Schweden einer der letzten Zufluchtsorte auf dem europäischen Kontinent für Flüchtlinge aus dem Hitlerreich gewesen. Schriftsteller, Wissenschaftler und Politiker haben dort Asyl gefunden: Willy Brandt, Herbert Wehner, Bruno Kreisky, Herbert Warnke, Peter Weiss, Bertolt Brecht, Nelly Sachs und viele andere. Zeugnis von der Geschichte des „anderen Deutschland“ in den Jahren 1933 bis 1945 gibt

Helmut Müssener: „Exil in Schweden. Politische und kulturelle Emigration nach 1933“; Carl Hanser Verlag, München, 1974; 604 S., 54,– DM.

Müssener nennt eine Gesamtzahl von 4000 bis 5500 deutschsprachigen Flüchtlingen, die zwischen 1933 bis 1943 als Verfolgte ins Land kamen. Sie stellten keine einheitliche, homogene Gruppe dar; vielfarbig war die Palette politischer Vereinigungen und Diskussionskreise. Naturgemäß dominierten die Gruppen der Arbeiterbewegung über die der bürgerlich-jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland, die in der Regel unpolitisch waren, sich auch nur mäßig engagierten. Neben der SoPaDe und der KPD sind die Gruppen der SAP (Sozialistische Arbeiter Partei) zu nennen, in denen auch Willy Brandt wirkte.

Über die Zukunft Deutschlands wurde vorwiegend in der Gewerkschaftsgruppe gesprochen, dem Sammelbecken aller Gruppierungen in der Arbeiterbewegung. Ihre Arbeitsgemeinschaften legten detaillierte Pläne für eine Neugestaltung Deutschlands vor, die als Modelle eines sozialistischen Staats- und Wirtschaftsaufbaus bis heute lesenswert geblieben sind.

Die offizielle schwedische Flüchtlingspolitik war freilich nicht gerade freundlich gegenüber den Emigranten eingestellt. Konsequent war die schwedische Regierung darum bemüht, wie Müssener überzeugend nachweist, sich aus Verwicklungen herauszuhalten und ihre Neutralität zu wahren. Flüchtlingspolitik und öffentliche Meinung wurden weithin bestimmt von egoistischer Furcht vor ausländischer Konkurrenz am Arbeitsplatz, vor Überfremdung, vor dem „bösen Nachbarn“ im Süden. Hilfsbereit zeigten sich jedoch Privatpersonen, auch Gruppen der schwedischen Gesellschaft, vornehmlich der Arbeiterschaft, der Intellektuellen und des radikal-liberalen Bürgertums. Sie setzten sich, wie Müssener schreibt, „im Zeichen von Humanität, Mitmenschlichkeit und Klassensolidarität“ für die Flüchtlinge ein.

Bemerkenswert hoch ist der Anteil derjenigen Emigranten, die nach Kriegsende nicht nach Deutschland heimkehrten. Viele jüdische Flüchtlinge wollten nicht in das Land zurück, das sie vertrieben hatte. Anders dachten die politischen Emigranten, doch die Möglichkeiten der Rückkehr waren sehr unterschiedlich. Den Kommunisten gelang es ohne große Schwierigkeiten, für die Mitglieder ihrer Parteigruppe den Rücktransport in die damalige sowjetische Besatzungszone zu erreichen. Zunächst reisten Ende 1945 einige Funktionäre (Warnke, Mewis, Glückauf, Seydewitz) illegal zurück; bald folgten mehrere Transporte unter verantwortlicher Leitung verschiedener Parteimitglieder; auch einige linke Sozialdemokraten schlossen sich an. Ihre Einreise wurde von den sowjetischen Besatzungsbehörden gefördert; im allgemeinen erhielten sie sofort Arbeitsplätze zugewiesen, an denen sie, oft an führender Stelle, am Aufbau des Sozialismus teilnehmen konnten.

Schwieriger war die Einreise vieler Emigranten in das Besatzungsgebiet der westlichen Alliierten. Weder von alliierter noch von (west-) deutscher Seite wurde irgend etwas unternommen, die Rückkehrwilligen gesammelt nach Deutschland zurückzuholen. Niemand dachte an Möglichkeiten ihrer Eingliederung. Parteistellen waren an einer Rückkehr der Emigranten ebensowenig interessiert wie die kommunalen, regionalstaatlichen und privaten Arbeitgeber. Enttäuscht und resigniert blieben deshalb verdiente Männer wie Kurt Stechen, Otto Friedländer und Kurt Heinig in Schweden.

In dem von Müssener zusammengestellten „Who is who“ der deutschsprachigen Emigration in Schweden ist bei vielen Eintragungen der stereotype, aber bezeichnende Satz zu lesen: „Nach 1945 kehrte er nicht zurück, weil er keine Gelegenheit dazu erhielt und auch nicht dazu aufgefordert wurde.“ Auch später ist offiziell die Aufforderung zur Rückkehr nie ausgesprochen worden – ein Versäumnis, das ohne Zweifel ein dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte darstellt. Julius H. Schoeps