Islands Feiern zum elfhundertjährigen Bestehen des Inselstaates wurden durch einen Spruch des Internationalen Gerichtshofes im Haag überschattet, wenn auch nicht sonderlich beschwert. Im Rechtsstreit um die Fischereigrenzen hat der Gerichtshof am Donnerstag voriger Woche entschieden, daß die einseitige Ausdehnung der Territorialgewässer von 12 auf 50 Seemeilen ein Verstoß sei, der Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland – Kläger vor dem Gerichtshof – nicht binden könne. Island erkennt das Urteil nicht an.

Die Richter fällten ihre Entscheidung mit zehn zu vier Stimmen, wobei sie die Kläger und den Beklagten zugleich aufforderten, eine Verhandlungslösung zu finden, denn isländische Schutzinteressen seien ebenso zu berücksichtigen wie traditionelle britische und deutsche Fischereirechte in diesen Gewässern.

Der Haager Gerichtshof hatte sich im Februar 1973 in der Sache für zuständig erklärt und im August 1973 eine einstweilige Anordnung gegen Island erlassen, die nichts bewirkte. Island, seit September 1972 im "Kabeljaukrieg" gegen Ihrer Majestät Fischfangflotte und die deutschen Trawler, erkannte die Zuständigkeit des Gerichts nicht in und reagierte jetzt auf das Urteil sogar herausfordernd: Die Ausdehnung der Fischereischutzzone auf 50 Seemeilen werde nicht nur beibehalten, sondern die Grenzen würden demnächst auf 230 Seemeilen erweitert werden.

Zur Begründung verveist die Regierung auf die Seerechtskonferenz in Caracas. Dort plädieren viele Staaten für eine 200-Seemeilen-Zone, innerhalb derer dem Küstenstaat die alleinige Nutzung der Fischbestände und Bodenschätze zustehe. Angesichts dieser Entwicklung sei die Haager Entscheidung nicht mehr zeitgemäß, argumentiert der isländische Außenminister Agustsson.

Tatsächlich kämpft aber David im Nordmeer schon seit November vorigen Jahres nicht mehr gegen Goliath. Das trotzige Inselvolk beharrt zwar auf seinen Ansprüchen, schloß aber mit den Engländern einen Kompromiß, der den offenen Konflikt erst einmal beseitigte. Für zwei Jahre, so vereinbarten die beiden Regierungen, würden sich die britischen Trawler damit begnügen, in der 50-Meilen-Zone nur je 130 000 Tonnen zu fangen. Bis dahin lag der jährliche Durchschnitt bei 180 000 Tonnen.

Auch die deutschen Trawler profitierten von der Verbesserung des Klimas, obwohl über einen deutschen Vorschlag einer "gezackten" Fischereizone (Schutzbereich für Jungfischbestände zwischen 12 und 100 Seemeilen) noch nicht entschieden ist, ebensowenig wie über die deutschen Schadenersatzforderungen für die Beschädigung und Zerstörung von Fangvorrichtungen.

Island will die deutschen Jahreserträge (langjähriges Mittel: 120 000 Tonnen) auf 65 000 Tonnen und 65 Schiffe beschränken. Fabrik- und Gefrierschiffe sollen völlig fernbleiben. Bonn besteht hingegen auf einem Jahresvolumen von 100 000 Tonnen und 87 Schiffen – ohne qualitative Beschränkung. Daran haben sich die Verhandlungen vor Monaten festgefahren.

Island selber ist zu gut 50 Prozent und mit über 700 000 Tonnen Jahresertrag am Fischfang in seinen eigenen Gewässern beteiligt. Die 200 000 Einwohner leben zu vier Fünfteln vom Fischexport.