In den Börsensälen wird mit äußerster Vorsicht operiert. Man weiß, daß es zu einer Tendenzwende frühestens dann kommen kann, wenn die Bundesbank mit Zinssenkungen ernst macht. Nach ihren eigenen Aussagen ist sie davon noch weit entfernt. Vielleicht ändert sie ihren Kurs im Herbst, wenn zu der strukturellen Arbeitslosigkeit auch noch die saisonale kommt.

Bis dahin beschränken sich die Investoren auf "Gelegenheitskäufe"; sie nehmen Aktien aus dem Markt, wenn sie überdurchschnittlich gesunken sind. Dabei muß man wissen, daß die Fonds in den letzten Wochen einen Teil ihres Pulvers verschossen haben und ihre flüssigen Mittel geschrumpft sind. Sie könnten jetzt theoretisch jenen Teil ihrer Liquidität mobilisieren, der in festverzinslichen Papieren angelegt ist. Dazu haben sich erst wenige Fonds durchgerungen. Denn bei den Renten ist eine gute Verzinsung sicher und – falls es zu einer Zinssenkung kommt – gibt es auch noch Kursgewinne. Ob das Geld in den Aktien ebenso nutzbringend angelegt ist, muß zumindest bezweifelt werden. Ähnlich denken auch andere institutionelle Anleger, vor allem die Versicherungen, die wenig Neigung verspüren, sich neue Effektenabschreibungen einzuhandeln.

Um nicht tatenlos dazusitzen, werden innerhalb der Portefeuilles Tauschoperationen vorgenommen. Bisher flogen munter VW-Aktien auf den Markt, aber bei den jetzt erreichten Kursen mag niemand mehr so recht verkaufen. Und wer jetzt noch Bau-Aktien abstoßen möchte, muß erhebliche Zugeständnisse machen, denn die an den Kurstafeln erscheinenden Kurse sind nur so lange "echt", wie das Angebot ausbleibt.

Siemens-Aktien – bislang unter Verkäufen aus dem Ausland leidend – scheinen sich gefangen zu haben. Das gilt als ein Indiz, daß die Ausländer allmählich den Herstatt-Schock überwinden. Dagegen steht der AEG-Kurs noch immer auf schwachen Füßen, auch wenn sich in den letzten Tagen bei 80 Mark je 50-Mark-Aktie eine Art Widerstandslinie gebildet hat. K. W.