Von den Medizinern wird die Karies folglich nicht nur als ein Schönheitsfehler angesehen. Seit man jedoch um die Fluorabhängigkeit der Zahnfäule weiß, haben vorsorgebewußte Gesundheitsbehörden in aller Welt die Trinkwasserfluoridierung vorangetrieben; so in unzähligen Gemeinden der Vereinigten Staaten, in Holland, Schweden, Belgien, England, der Schweiz, der Tschechoslowakei wie auch in der DDR. Dort entstand schon 1959 Europas größte Fluoridierungsanlage für über 300 000 Einwohner in Karl-Marx-Stadt.

In der Bundesrepublik hingegen gab es seit Dezember 1952 lediglich eine solche Anlage für den Kasseler Stadtteil Wahlershausen. Dazu bedurfte es einer Sondergenehmigung des Bundesgesundheitsministeriums zu „Versuchszwecken“, da eine Ausnahme vom Lebensmittelrecht her nicht zulässig war. Des Versuches hätte es freilich gar nicht bedurft, da es im Ausland genügend Erfahrungen gab. So stellte die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften fest: „Die Trinkwasserfluoridierung ist heute diejenige Maßnahme, die kollektiv gesehen die besten Resultate ergibt. Die mit ihr zu erreichende Kariesprophylaxe ist identisch mit derjenigen in natürlichen Fluorgebieten, das heißt rund 60 Prozent Kariesverminderung.“ Der wissenschaftliche Betreuer der Kasseler Anlage, Professor Heinrich Hornung, konnte nach fünfzehn Jahren Fluoridierung bei den in Wahlershausen geborenen. Kindern soger einen Kariesrückgang von 67 Prozent melden. Trotzdem wurde seine Anlage nach neunzehn Jahren segensreichen Wirkens wieder geschlossen.

Die Ausnahmegenehmigung wurde eben nicht verlängert, weil die mutwillige Vergiftung eines Grundlebensmittels in unserer umweltbewußteren Zeit noch weniger opportun erschien. Das mutet anachronistisch an, da gegen die aus hygienischen Gründen seit Kriegsende verbreitete Chlorierung des Wassers längst keine Einwände mehr bestehen, obwohl Chlor im Gegensatz zu Fluor Geschmack und Geruch des Wassers stark beeinträchtigt und konzentriert ebenfalls ein starkes Gift ist.

Im Gegensatz zu Chlor ist Fluor jedoch für das Trinkwasser kein Fremdstoff; es ist ja ohnehin darin enthalten, nur eben oft nicht in einer zur Kariesvorbeuge ausreichenden Menge. Der erforderliche Zusatz ist nicht im geringsten herauszuschmecken, zumal die notwendige Menge dem Tropfen einer Salzlösung auf sieben Eimer Wasser entspricht. Ohne chemische Untersuchung ist überhaupt nicht zu spüren, ob Wasser fluoridiert ist oder nicht.

Selbst für Vieltrinker besteht keinerlei Vergiftungsgefahr. Es gibt sogenannte Durstberufe, deren Angehörige übermäßig viel Flüssigkeit zu sich nehmen müssen. Auch Diabetiker trinken viel. Um aber nach vielen Jahren eventuell Vergiftungserscheinungen hervorzurufen, müßte man täglich mindestens eine Badewanne voll fluorhaltigen Wassers schlürfen.

Fünfzig Pfennig im Jahr

Und wie teuer ist diese Vermeidung der Zahnfäule? Die finanzielle Belastung durch Trinkwasserfluoridierung beträgt im Jahr etwa 50 Pfennig pro Einwohner. Es fällt dabei nicht einmal als Verschwendung ins Gewicht, wenn der größere Teil des fluorangereicherten Wassers nicht für den menschlichen Genuß, sondern zum Autowaschen, Treppenschrubben, Windelnkochen oder für industrielle Zwecke verbraucht wird.