Kaufbeuren

Die Bombe platzte nach dem Tanzfest, Während sich die SPD-Honoratioren von Kaufbeuren noch die Köpfe kühlten von langen Volksfestnächten, mußten sie sich unverhofft auch noch die Augen reiben: Ungläubig lasen sie den Brief mit dem der 43jährige Oberbürgermeister Rudolf Krause seinen Austritt aus der SPD erklärte – als „eine Konsequenz aus den Aktivitäten gewisser Kräfte innerhalb der SPD im örtlichen Bereich“.

An seiner Überzeugung, daß diese „gewissen Kräfte“ vor allem die Jungsozialisten sind, ließ der ehemalige Rechtsanwalt, der 1970 zuerst mit knapper Mehrheit in das Rathaus der Allgäustadt einzog, dann zwei Jahre später mit einem überzeugenden Vertrauensbeweis bestätigt wurde, keinen Zweifel. „Ich sehe“, schrieb der Oberbürgermeister, „in meinem Amt keinen primär parteipolitischen Auftrag.“

Das Verhältnis zwischen dem Kommunalpolitiker, dem der SPD-Landesverband eine „Kurz-Schlußreaktion bescheinigt, und dem SPD-Ortsverband hatte sich im Spannungsfeld zwischen imperativem Mandat, wirtschaftspolitischen Erwägungen und der örtlichen Arbeitsmarktsituation in den letzten Monaten zunehmend verschlechten. Immer, wenn es um die Lebensfragen der Stadt ging, fühlte sich Krause zum Sündenbock für die Versäumnisse seiner Vorgänger gemacht, die die Ansiedelung von Betrieben beharr-HA verhindert hatten. Ob dies ganz freiwillig geschah oder ob zumindest der Neugablonzer Industrieverein Druck auf die Kommunalpolitiker ausübte, ist bis heute das Geheimnis der Protokolle von nichtöffentlichen Sitzungen,

Zumindest die Jungsozialisten argwöhnten immer wieder, daß Ergänzungsbetriebe zur Schmuck- und Glasindustrie in Neugablonz nicht angesiedelt wurden, um „das eigene, niedrige Lohnniveau zu halten“. Dies liegt, so weist eine Statistik aus, in der kreisfreien Stadt Kaufbeuren samt eingemeindeter Orte heute 24 Punkte unter dem Bundesdurchschnitt. Als sich die SPD bemühte, unter den vorwiegend in Heimarbeit werkelnden Neugablonzern mehr Mitglieder zu werben, politisches Bewußtsein zu wecken und den Eintritt in die Gewerkschaften schmackhaft zu machen, da spürte sie plötzlich den Widerstand ihres eigenen Oberbürgermeisters, dem es, so mutmaßt der örtliche SPD-Vize Büttner, wohl darauf ankam, das Verhältnis der Stadt zu den wichtigsten Steuerzahlern nicht zu gefährden.

Das hinter den Kulissen brodelnde Mißtrauen brach offen hervor, als die Büromaschinenfabrik „Olympia“ vor einem Vierteljahr ankündigte, sie gedenke bis zum Herbst die Hälfte der 1400 im Kaufbeurener Werk Beschäftigten „im Rahmen von Produktionsverlagerungen“ zu entlassen. Sozialdemokraten und Gewerkschaften organisierten daraufhin eine Protestdemonstration, an der sich mehr als 3000 Arbeiter beteiligten. Bei der Schlußkundgebung vor dem Rathaus mußte sich der SPD-Oberbürgermeister, der sich aus „rein persönlichen und familiären Gründen“ entschuldigen ließ, den Vorwurf einer „arbeitnehmerfeindlichen Kommunalpolitik“ gefallen lassen.

Mitte Juli in einer SPD-Mitgliederversammlung wegen seines Fehlens bei der Demonstration zur Rede gestellt, platzte Oberbürgermeister Krause der Kragen. Er lasse sich nicht weiter „anpinkeln und bespucken“ schimpfte er, knallte die Tür des Versammlungssaals zu, schickte sein Parteibuch den Genossen zurück und befand: „Das Spiel mach’ ich nicht mehr mit.“ Oberbürgermeister von Kaufbeuren will er aber bis zum Ende seiner Amtszeit, bis 1978, bleiben, um dann als parteiloser Kämpfer erneut anzutreten.

Rolf Henkel