Neu in Museen und Galerien:

Heidelberg Bis zum 1. September, Galerie Rothe: "Gerhard Hoehme"

Bilder aus den Jahren 1954 bis 1974: Schon mit seinen frühen monochromen Bildern beweist Hoehme ein bemerkenswertes Gespür für das, was in der Luft liegt. Er demonstriert Konformismus in einem durchaus positiven Sinne: Die persönliche Leistung wird dadurch nicht beeinträchtigt, daß die eigene Entwicklung mit der generellen Tendenz übereinstimmt. "Die glückliche Wolke" von 1957 und das "Gammelbild" von 1958 sind vorzügliche Beispiele der damals beliebten Strukturmalerei. Der nächste Schritt: von den "natürlichen" Strukturen, etwa der Borke, zu den industriell gefertigten. Hoehme entdeckt die Schnittmusterbögen als Ausgangsmaterial für einen rasanten und eigenwilligen Strukturalismus, der durch Nylonschnüre oder Nägel angereichert wird und in der Assemblage ("Seitenwindfenster", 1965) mündet. Seit den späten sechziger Jahren verwendet Hoehme vor allem Damasttücher, deren textile Strukturen mit Acryl und Sprühsilber überarbeitet werden. Und mit diesen Damastdeckenbildern ist auch wieder der Kontakt zum Aktuellen hergestellt. Die ornamentalen Strukturen werden gegenständlich, quasirealistisch akzentuiert, als "Mediator flower and clouds" oder "Mediator Biedermeier".

Nürnberg Bis zum 25. August, Kunsthalle: "Johannes Grützke"

Eine großartige, gewaltige, penetrante, schreckliche Angelegenheit: die Welt des Johannes Grützke, dargestellt in 72 Stücken aus den Jahren 1964 bis 1973. Das höllische Paradies des Kleinbürgers, Männer, die sich die Hände schütteln, sich auf die Schultern klopfen, sich ihrer totalen Übereinstimmung vergewissern, eine unerträgliche Fröhlichkeit zur Schau stellen, zu lächerlichen Abenteuern aufbrechen, die Pappkoffer in den Händen, wobei Hände grundsätzlich ins Überdimensionale vergrößert werden und aus dem im ganzen realistischen Bildgefüge heraus und auf den Betrachter zustoßen, als geballte Faust, die Mächtigkeit vortäuscht, oder als Handin-Hand-Geste vermeintlicher Solidarität. Ist Grützkes Realismus ein kritischer oder ein affirmativer, beschreibender oder ein pathetisch theatralischer? Weil seine Bilder gelegentlich auf Politisches, sogar auf Tagespolitisches Bezug nehmen, hat man ihn in die Berliner Schule des Kritischen Realismus einrangiert, zu Unrecht. Selbst seine politischen Bilder lassen Engagement, Parteinahme für oder gegen irgendwen und irgend etwas vermissen. Weder sympathisiert er mit den Demonstranten der "Demonstration" von 1968, die als randalierende Horde von verklärten Irren durchs Felsgeröll stampfen, noch läßt sich aus dem bekannten "Walter Ulbricht", umringt von fröhlich grinsenden LPG-Frauen, ideologisches Kapital schlagen. Offenbar ist es ein unwiderstehlicher Trieb zur Komik, der es ihm unmöglich macht, Stellung zu beziehen, und diese ungewöhnlich vertrackte Komik bringt sich seltsamerweise auch da zur Geltung, wo es dem Autor vollkommen ernst ist, wo er ("Fünf nackte Männer" und "Monument der Tröstungen") schlimme und traurige Erfahrungen aus der persönlichen Intimsphäre darzustellen unternimmt. Die Retrospektive, die in Berlin angefangen hatte und nach Mannheim weitergeht, dokumentiert jedenfalls Grützkes exzeptionellen Rang innerhalb der neuen oder nicht mehr neuen realistischen Malerei.

Gottfried Sello

Wichtige Ausstellungen: