Von Iring Fetscher

A. Hegedüs/M. Markus u. a.: "Die Neue Linke in Ungarn"; Internationale Marxistische Diskussion 45; Merve Verlag, Berlin 1974; 223 S., 9,– DM.

Dieser Sammelband mit fünfzehn Arbeiten ungarischer Soziologen und Philosophen aus den letzten acht Jahren entspricht weder dem Klischee des Kalten Krieges noch paßt er ins Weltbild harmonistischer Fürsprecher bürokratisch-sozialistischer Gesellschaften. Es handelt sich um kritische Analysen der sozialen und kulturellen Verhältnisse in den europäischen Ostblockstaaten, um den Versuch einer programmatischen Kurskorrektur nach links. Alle Arbeiten sind in ungarischen Zeitschriften publiziert worden, eine ist sogar die Kurzfassung eines Exposes für das staatliche ungarische Planungsamt. Wenn die Verfasser dennoch seit Herbst 1972 heftigen Angriffen der Parteiführung ausgesetzt waren und im Mai 1973 aus der ungarischen sozialistischen Arbeiterpartei ausgeschlossen worden sind, so wohl nicht – wie behauptet wurde – wegen ihrer "revisionistischen Standpunkte" oder ihres "kleinbürgerlichen Utopismus", sondern weil sie Privilegien der Bürokratie offen genannt und deren Legitimität in Frage gestellt haben.

Anschaulich geschildert wird uns die unmittelbar erfahrene Lage der Arbeiter (in einem ungarischen Großbetrieb) und zwar auf Grund einer (Pseudonymen) Enquête, einer ähnlichen anscheinend wie jener, für welche der kommunistische Dichter Miklós Harászti eine achtmonatige Haftstrafe erhielt (zur Bewährung ausgesetzt). Wie sind die Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse? Der Genosse Doktor U., Vizevorsitzender des Betriebes, meint zwar: "Bei uns, wie Sie wissen sollten, ist die Macht in den Händen der Arbeiterklasse. Das gilt für den Staat wie für die vergesellschafteten Betriebe", aber der Interviewer läßt sich mit solchen Erklärungen nicht abspeisen, will genau wissen, wer anschafft und wer (eventuell) auszuführen gezwungen ist.

Schließlich gelingt es ihm, Arbeiter selbst zu befragen. Ihre Antworten sind eher deprimierend. Sie klagen über unzulängliche Lüftungsanlagen und defekte Dächer, die seit dem Krieg nicht repariert wurden und nicht nur bei Arbeitern, sondern auch bei Maschinen Schaden anrichten. Einer bemerkt: "Wollen Sie vielleicht sagen, daß jetzt alles hier dem Volke, der Arbeiterklasse gehört? Volkseigentum, Arbeitereigentum, wie man sagt? Alles Propaganda! Man fragt uns nie um unsere Meinung, sie machen, was sie wollen. Sie sind die Chefs, die neuen Chefs. Kann ich vielleicht ihre Entscheidungen über die Löhne beeinflussen? Keine Spur... Wenn man mehr verdienen will und im Akkord steht, muß man schneller arbeiten. Aber dann läuft man Gefahr, daß sie die Normen erhöhen ... Oder man muß zum Karrieristen werden, den Oberen schmeicheln, damit sie einem Prämien und andere Vergünstigungen geben. Das hier ist nicht Jugoslawien. Keine Streiks. Bei der geringsten Unruhe, und wenn wir tausendmal recht haben, rufen sie den Werkschutz und die Polizei."

"Produktionsberatungen" mit Belegschaftsmitgliedern gibt es zwar, aber Vorschläge der Arbeiter werden nicht berücksichtigt, sind kaum erwünscht. Dennoch soll man hingehen, damit es demokratisch aussieht. Lustlosigkeit und Apathie scheinen groß zu sein. Einige Arbeiter sehen keinen wesentlichen Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus mehr: "Tatsächlich ist es ein krasser Anachronismus (meint einer), von den schrecklichen Übeln des Kapitalismus zu sprechen, da doch die Bedingungen und der Charakter der Arbeit hier nicht wesentlich anders sind und im Westen höhere Löhne gezahlt werden. Und es finden sich auch immer mehr Ökonomen, die feststellen, daß ‚die Arbeitskraft bei uns nach wie vor eine Ware ist‘. Sie haben recht."

Ein völlig anderes Bild entwirft der Gewerkschaftssekretär. Er beklagt die verbreiteten "Vorurteile gegen materielle Anreize" und fordert höhere Lohn- und Gehaltsunterschiede. Auch meint er, die Freiheit der Arbeitsplatzwahl wirke sich schädlich aus. Konflikte zwischen Betriebsleitung und Gewerkschaft gebe es nicht, da doch in beiden Organisationen "Kommunisten" säßen.