Von Adolf Metzner

Höhepunkt der 74. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Niedersachsen-Stadion in Hannover war das 400-m-Rennen. Bernd Herrmann oder Karl Honz, das war die Frage. Der Leverkusener hatte am Freitag noch eine Klausur zu schreiben, kam erst eine Stunde vor dem Vorlauf im Stadion an und schien gegenüber Honz im Nachteil. Aber es schien nur so. Als ich den Trainer der Mannen mit dem Bayer-Abzeichen, Bert Sumser, fragte, wie schnell Herrmann die ersten 200 m "angehen" würde, kam die Antwort prompt: "Wir laufen 21,1 bis 21,2 Sekunden, volles Rohr." Honz ging noch schneller an, und das war einfach zu schnell. 60 m vor dem Ziel sah er für den Laien noch wie der sichere Sieger aus, er führte mit zwei Metern. Aber dann mußte er dem mörderischen Anfangstempo Tribut zollen und fast mühelos drang Herrmann auf ihn ein, passierte den verzweifelt Kämpfenden und gewann schließlich mit einer halben Sekunde Vorsprung.

München 1972 wiederholte sich. Damals, nachdem die Amerikaner ausgeschieden waren, bekam Honz als Schlußmann den Stab als erster. Mein Nachbar auf der Pressetribüne sprang hoch, riß die Arme in die Höhe und rief "Gold, Gold". Aber aus vermeintlichem Gold wurde Blech. Der Stuttgarter lief wie ein Verrückter los und ging auf der Zielgeraden geradezu jämmerlich ein. Nur vierter Platz.

Man kann es nur wiederholen, die Kunst des 400-m-Laufes besteht darin, die 200-m-Zwischenzeit richtig zu treffen, das heißt etwa eine halbe Sekunde über der optimalen Individualzeit für die 200-m-Strecke. Manchmal gelingt dies Honz, manchmal aber auch nicht. Es war höchst imponierend, wie souverän dagegen Herrmann die Strecke einteilte. 45,10 Sekunden elektrisch gestoppt bedeuten handgestoppt 44,9. Eine Zeit von absoluter Weltklasse. Der Europameister dürfte in diesem Jahr, wenn es ein Deutscher ist, Bernd Herrmann und nicht Karl Honz heißen.

Windmessung falsch

Die 4 x 400-m-Staffel mit Herrmann, Honz, Schlöske und Geiger – 45,10 – 45,60 – 46,35 – 46,81 Sekunden – dürfte in Rom kaum geschlagen werden. Ob es noch weitere Europameister aus der Bundesrepublik gibt, außer dem Geher Kannenberg, steht dahin, trotz einiger guter Leistungen.