Von Klaus-Peter Schmidt

Paris, im Juli

Eine resolute Frau sprach einen mutigen Satz: "Die Gesellschaft hat die Gefängnisse, die sie verdient." Wenn Helene Dorlhac, Staatssekretärin für den Strafvollzug, recht hat, dann steht es um Frankreichs Gesellschaft gegenwärtig nicht zum besten. Denn die offene Revolte, die seit der vergangenen Woche rund 40 Haftanstalten im ganzen Land in Stätten des Aufruhrs verwandelt hat, kommt nicht von ungefähr: Die Gefängnisse gleichen bisweilen mittelalterlichen Kerkern, die Haftbedingungen erlauben kaum eine Resozialisierung der Gefangenen.

Ausgerechnet in Nimes, der Heimatstadt von Madame Dorlhac, setzten die Häftlinge ein Signal: Sie zündeten sich ihr Gefängnis über dem Kopf an. Der Knast, ohnehin zum Abbruch bestimmt, sank in Schutt und Asche. Doch die Bevölkerung von Nimes hatte Verständnis für die Übeltäter. Denn die Zustände in der von Vauban erbauten Zitadelle waren katastrophal. So waren viele Häftlinge in die uralten "Hühnerställe" eingesperrt: ein riesiger, feuchter Saal, durch Gitter in Zellen von zwei Quadratmeter Fläche eingeteilt.

Dabei ist Nimes kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr stellten ehrenwerte Staatsanwälte fest, daß von allen Gefängnissen des Landes nur 38 den Anforderungen eines vernünftigen Strafvollzugs halbwegs genügten; 47 seien sofort außer Dienst zu stellen, 59 dringend zu modernisieren.

Häufig wirkt das Wort "Modernisierung" schon schmeichelhaft. In Riom zum Beispiel ist ein Gefängnis aus dem 13. Jahrhundert in Betrieb, ein in die Lava der Auvergne gehauenes Verlies. Nicht wenige der jetzt zerstörten Anstalten sind umfunktionierte Klöster. Im letzten Jahrhundert wurden fast gar keine Gefängnisse gebaut, sondern stets alte Gebäude zweckentfremdet. Zwischen 1900 und 1960 errichteten die Behörden nur eine einzige neue Haftanstalt (Les Baumettes in Marseille). So gibt es kaum ein Dutzend Gefängnisse, die noch keine 100 Jahre alt sind.

Schlimm steht es oft um die sanitären Einrichtungen. In der Pariser Santé ist zum Beispiel ein Wasserhahn über der Abortschüssel die einzige Waschgelegenheit. In Caen stehen einige Zellen unter Denkmalschutz, so daß keine Wasserleitung installiert werden darf. Staatssekretärin Dorlhac meinte daher: "Eine der Prioritäten ist es, zu ordentlichen sanitären Zuständen zu kommen."