Maos "Sozialistische Erziehungsbewegung – eine Erweckungsbewegung ohne Ende?

Von Dietrich Strothmann

Wiederholt sich Geschichte doch? China, so will es auf den ersten Blick scheinen, liefert dafür ein Paradebeispiel, bestätigt die These, die von Historikern immer wieder angezweifelt wird. Oder ist das, was sich in diesen Wochen im "Reich der Mitte" zuträgt, lediglich die Fortsetzung eines historischen Prozesses mit ähnlichen Mitteln und Methoden – der Nachvollzug jener Kulturrevolution, die 1965 ausgebrochen war?

Denn wieder löste die scharfe Zurechtweisung einer Oper – "Dreimal den Pfirsichberg ersteigen" – die dirigistische Bewegung gegen Bürokratie und Bourgeoisie aus. Wieder protestieren selbsternannte Wächter der "wahren Lehre" Maos auf Pekinger Wandzeitungen gegen Fünktionärsallmacht und Managerallüren. Wieder werden – diesmal am Fall des Philosophen Konfuzius, der vor bald 2000 Jahren lebte – die allerorts lauernden Gefahren des korrumpierenden Ungeistes der Restriktion und der Reaktion beschworen. Und wieder machen Gerüchte außerhalb Chinas die Runde: Sind all die Anzeichen des angeblich spontanen, vielleicht aber auch nur geschickt gesteuerten Aufbegehrens deutliche Symptome eines andauernden Machtkampfes um die Nachfolge des mittlerweile 81jährigen Mao Tse-tung? Oder geht es in diesem zweiten Stadium der "Sozialistischen Erziehungsbewegung" doch vor allem darum, die Errungenschaften ihrer 1968 mit dem Sturz Lin Piaos abgeschlossenen ersten Etappe zu sichern: die verordnete Verbindung von körperlicher und geistiger Arbeit in Schulen und Fabriken, Universitäten und Volkskommunen?

Zu welchem praktischen Zweck und auf welches aktuelle Ziel hin auch immer die gegenwärtig anbrandenden Wogen öffentlicher Kritik an dem Bonzentum (in den Betrieben und in der Verwaltung) und der Anprangerung einer Renaissance "feudalistischer" Degenerationskultur (Beethoven, Mozart) in Gang gesetzt wurden – es geht um den Nachweis von der Unsterblichkeit der kommunistischen Idee chinesischer Prägung. Bestätigen will sich Mao, der "Große Steuermann", als der getreueste Vollstrecker des Leninschen Postulats: "Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehen bleiben." Revolution der Routine – China ist dafür ein Musterland.

Der Weisung gemäß, daß es "auch noch nach tausend, zehntausend oder sogar noch hundert Millionen Jahren Widersprüche geben wird" und darum "Kampf und Veränderung", weil "nur das unsere sozialistische Sache weiterbringen" kann, hielt Mao Tse-tung seine Chinesen schon immer durch Kampagnen in ständiger Bewegung: Anfangs mit der Sozialisierung der Privatbetriebe, dann mit der Initiative zum intellektuellen Wettstreit ("Laßt hundert Blumen blühen, laßt hundert Schulen miteinander wetteifern"), mit der Aktion zum Volkskommunen-Zwang (der "Große Sprung nach vorn") und schließlich mit der Anfeuerung zur Kulturrevolution, die seit 1973 im Feldzug gegen den Philosophen Konfuzius (551 vor Christus) und den ehemaligen Mao-Thronprätendenten Lin Piao (angeblich auf dem Fluchtflug in die Sowjetunion im September 1971 tödlich verunglückt) ihre Fortsetzung gefunden hat.

Nicht von ungefähr heißt es auch in dem neuen Statut der Kommunistischen Partei Chinas: "Revolutionen dieser Art (gemeint ist die Kulturrevolution) werden in Zukunft noch mehrmals durchgeführt. Die Genossen der ganzen Partei müssen den revolutionären Geist haben, den Mut aufbringen, gegen die Strömung zu kämpfen." Und in folgerichtiger Anwendung der Prinzipien Maos verkündete sein Paladin, Ministerpräsident Tschou En-lai, im August 1973 auf dem X. Parteitag: "Der Kampf zweier Linien innerhalb der Partei, der die Widersprüche in der Gesellschaft widerspiegelt, wird für lange Zeit fortbestehen. Es wird noch zehn-, zwanzig- oder dreißigmal Kämpfe dieser Art geben."