Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Eigentlich wird James Callaghan, der pausbäckige Hüne mit der Begabung im Ausdenken von Kompromißformeln, zur Zeit dringend daheim in London gebraucht. In der Labour-Regierung will die Linke nicht wissen, was die Rechte tut und umgekehrt, obwohl beide es ganz genau wissen. Aber Außenminister Callaghan richtete sich in Genf ein in der festen Absicht, nicht ohne einen Verhandlungserfolg für Zypern wieder abzureisen. Für ihn sind die Kollegen Mavros aus Athen und Günes aus Ankara nicht schwieriger zu nehmen als etwa zwei Parteigenossen, die ihm, dem langjährigen Schatzmeister der Labour-Bewegung, zu entgegengesetzten Zwecken ein paar tausend Pfund aus der Kasse abluchsen wollen.

Callaghan vermittelt in Genf mit der Hartnäckigkeit eines Mannes, der nicht nur eine tragfähige Zypern-Lösung sucht, sondern der auch die britische Diplomatie aufwerten möchte. Callaghan glaubt das seinem Land und dem eigenen Ruf schuldig zu sein. Nachdem er seinerzeit das britische Pfund abgewertet hat, möchte er nun Großbritanniens Außenpolitik an den Konferenztischen der Welt wieder heimisch machen.

Diese Chance hat Callaghan geschickt für die britische Politik ergriffen. Daß sinkende wirtschaftliche und nachlassende politische Macht sich gegenseitig unterhöhlen, hat London lange genug gespürt. Das Jahr der vergeblichen Vietnam-Initiative war auch das Jahr der Pfundabwertung. Die Konsequenz daraus, ein politisches Comeback auch ökonomisch abzustützen, vor allem durch den Verbleib in der Europäischen Gemeinschaft, hat Außenminister Callaghan für sich längst gezogen.

Da er nun den Waffenstillstand in Genf unter Dach und Fach gebracht hat, gelang ihm nicht nur ein Erfolg für die britische Außenpolitik. Auch der Mann Callaghan, der sich über eine Woche lang von allen Winkelzügen der Militärs und der Politiker, von Abbruchsdrohungen und neuen Schießereien nicht aus seinem Konzept bringen ließ, gewinnt an Statur. Es ist vielleicht der rechte Augenblick, an einen Ausspruch des Bankiers Hermann Abs aus jenem für England kritischen Jahr der Sterling-Abwertung zu erinnern, in dem Callaghan tapfer um seine Währung gekämpft hatte. Einem britischen Abgeordneten sagte Abs damals, es gebe ein probates Mittel, Großbritannien binnen 72 Stunden wieder zu einem von allen geachteten Land zu machen: Wilson durch Callaghan zu ersetzen.

Das ist auch dringend nötig. Denn wo immer es in den letzten Jahren brannte, waren die Briten entweder gar nicht oder erfolglos an den Löschaktionen beteiligt. Zum Ende des Vietnamkrieges trugen sie nichts Entscheidendes bei, obwohl sie zu den Mitgliedern der Genfer Indochina-Konferenz gehört hatten. Die Kriege im Nahen Osten wurden ebenfalls ohne maßgebliche Beteiligung Londons beigelegt, obwohl dort Großbritannien bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und noch danach die auswärtige Macht mit dem größten Einfluß und den intimsten Kenntnissen von Land und Leuten gewesen war. In beiden Fällen beschreibt der Name Eden den Schlußpunkt britischer Weltdiplomatie. In Harold Wilsons Memoirenband über seine erste Amtszeit in Downing Street kann man nachlesen, wie er im Februar 1967 vergeblich, wenn auch nachhaltig versuchte, im Vietnam-Konflikt zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem sowjetischen Regierungschef zu vermitteln. Callaghan kennt die Situation.

Aber während das Maklerhandwerk in derart großen Weltsachen für London keinen goldenen Boden hatte, liegen die Dimensionen im Fall Zypern günstiger. England bringt auf der Mittelmeerinsel außer guten Worten und gutgemeinten Ratschlägen auch das mit, was bei einem Ausgleich derart feindlicher Partner einzig zählt: Macht. Die 800 britischen Soldaten haben im Dreitagekrieg um Kyrenia und Nikosia keinen Schuß abgefeuert. Aber sowohl Griechen wie Türken wissen, daß es keine Lösung für die Insel gibt, die nicht die weitere Anwesenheit dieser Stützpunktbesatzungen einschließt. Ohne England – eine der Signatarmächte des Zypern-Abkommens von 1960 – zu verhandeln, hätte keinen Zweck.