Bülent Ecevits Triumph: Die Wiedergeburt der Türkei

Von Nina Grunenberg

Ankara, im Juli

Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Semih Akbil, war nervös. Immer wieder fingerte er am Krawattenknoten, während er zwischen dem Konferenzsaal und der Seitentür zum Amt des Ministerpräsidenten hin und her lief oder den goldumrandeten Wasserkrug am Platz des Premiers von einer Seite zur anderen schob. Seit Tagen wurde er von Journalisten aus aller Welt, die selten in die Türkei kommen, bei Putsch oder Krieg aber immer pünktlich sind, mit der Bitte um Interviews belagert. Jeder wollte den Mann sehen, den die Istanbuler Zeitung Hurriyet noch sieben Tage nach der Invasion auf Zypern in überschäumendem Stolz den "Mann des Tages für die ganze Welt" nannte und hinter dessen Kopf die Zeichner in den Magazinen schon den Schatten Atatürks setzen: Bülent Ecevit, seit Februar Ministerpräsident der Türkei und seit dem Morgengrauen des 20. Juli, als er den Befehl zur Landung gab, der Liebling der Nation.

Die Pressekonferenz dauerte nur 25 Minuten Der Ministerpräsident hatte wenig Zeit. Ohne Umschweife teilte er mit, daß die Ergebnisse der Genfer Konferenz unbefriedigend blieben, solange sie nicht mit der Sicherheit für die zyprischen Türken verknüpft seien: "Jeder Zyperntürke muß sich auf der Insel zu Hause fühlen können." Die Türken hätten ein Übermaß an gutem Willen bewiesen, der sich nun zu erschöpfen drohe. Ob dies nicht "die ernste Gefahr einens Krieges" bedeute, fragte ein besorgter Amerikaner. "Ich hoffe nicht", entgegnete Ecevit knapp. "Aber welche anderen Alternativen gibt es noch, wenn die türkischen Bedingungen nicht erfüllt werden?" insistierte der Amerikaner. "Ich möchte nicht über Kriegsgefahren reden", entgegnete er kühl, "aber wir sind auf alle Alternativen vorbereitet."

Die offizielle türkische Informationspolitik ließ zu dieser Zeit in Ankara noch verschleiert, daß die Erklärung des Regierungschefs als Theaterdonner kalkuliert war, um den in Genf ins Hintertreffen geratenen Türken wieder Verhandlungsspielraum zu verschaffen. Unbekannt war auch noch, daß Ecevit schon in der Nacht zuvor den griechischen Botschafter empfangen hatte, um ein Treffen mit Karamanlis vorzuschlagen.

Die Erklärung Ecevits machte nur eines klar: Die Türken sind nicht gewillt, den Preis dafür zu zahlen, daß die Griechen wieder in den Schoß der Demokraten zurückgekehrt sind. Sie haben es außerdem aufgegeben, koste es, was es wolle, auf die Sympathien des Westens zu bauen: Diese werden den Griechen als Abendländern ohnehin seit jeher reichlicher vorgeschossen als ihnen, den Bewohnern von Kleinasien, die keine Europäer sind, sondern sich nur zu Europa bekennen. "Die Türken", so sagte es ein hoher türkischer Beamter, "haben wenig Gutes von ihren Freunden erfahren, dafür aber die stille und wirksame Unterstützung der Sowjetunion." Allerdings wirkte die differenzierte Stellungnahme der neun EG-Staaten zur Zypernkrise wie Balsam.