ARD, Montag, 22. Juli: "Marx, eine Biographie", von Artur Müller; Donnerstag, 25. Juli: "Marx, Marxismus – Versuch einer Wirkungsgeschichte", von Urs Jaeggi

Gewiß, man kann, gerade aus einer linken Position heraus, viel einwenden gegen die Art und Weise, in der Karl Marx – und das gleich zweimal – als ein großer Deutscher präsentiert worden ist. Man kann die Perspektive der ersten Sendung (verantwortlich: Artur Müller) als "Kammerdiener-Perspektive" denunzieren: Der Domestike schaut durchs Schlüsselloch und beobachtet seinen Herrn im Negligé. Man kann die rezeptionsgeschichtlich akzentuierte zweite Sendung (verantwortlich Urs Jaeggi) als "historisch problematisch" bezeichnen: Der Sozialdemokratie wurde ihr Sündenfall – die Aufgabe des Sozialismus – zu Recht vorgehalten; der kommunistischen Partei in diesem Land dagegen ihr Kardinalverstoß – Theologisierung des Marxismus; Operieren mit dem Revolutions-Arsenal unter dem Aspekt der tagespolitischen Opportunität – kaum angekreidet.

Man kann weiterhin beklagen, daß die Gretchenfrage des Marxismus – wie steht es mit der Rolle der Partei? wie mit der Symbiose von Demokratie und Sozialismus? mit dem Programm der Rosa Luxemburg? – nicht einmal als Frage auftauchte (Herrschaft des Volks oder Herrschaft über das Volk). Man kann auch bedauern, daß das Problem ein Problem blieb, ob die Klasse der Mehrwert schaffenden Abhängigen – nicht identisch mit der Summe der "Arbeiter" im klassischen Sinn! – heute so gut wie zu Marxens Zeiten die totale Negation der herrschenden Gesellschaftsordnung darstellt, so daß ihre Befreiung, als eine Negation der Negation, per se die Befreiung der Gesamtgesellschaft bedeutet.

Man kann sich fragen, ob der Autor des zweiten Beitrags, Urs Jaeggi, unter solchen Aspekten in seinem Kommentar nicht allzu behutsam relativierte, was er zuvor in seinem vom Schauspieler vorgetragenen Text parteilich pointiert hatte. (Oder umgekehrt. Auf jeden Fall sprach der off-Jaeggi eher revolutionär, der on-Jaeggi eher reformistisch.) Man kann, in diesem Zusammenhang, sogarbezweifeln, daß sich die Wirkung einer Wissenschaft, einer Philosophie, einer politischen Bewegung am Machtpotential, an Zahlen und Daten ablesen läßt: Wäre dem so, dann müßte das Christentum dem Marxismus an Bedeutung weit voraus sein.

Man kann schließlich – um zum Technischen: zu Fragen des Aufbaus und zum Verhältnis von Wort und Bild zu kommen – die Tatsache beklagen, daß Urs Jaeggi in seinem (zum Teil glanzvoll formulierten) Essay nicht einer historisch konsequent verfolgten Leitlinie entsprach, sondern allzu vieles allzu sprunghaft präsentierte.

Und man kann am Ende die Frage aufwerfen, warum ausgerechnet Beiträge, die, auf Seiten des Zuschauers, ein Höchstmaß an Konzentration verlangen, auf eine Weise illustriert werden, die schlechthin gedankenfeindlich ist. Die optische Darbietung beider Sendungen war schlechterdings idiotisch. (Ich habe das Wort an dieser Stelle meines Wissens noch niemals benutzt: Jetzt ist es das einzig vernünftige.) Auf das Stichwort "Kurort" hin kamen plätschernde Wasser ins Bild, wenn von "Köln" gesprochen wurde, tauchten Rheindampfer auf, der Begriff "Ideologie" bescherte uns einen stumm daherredenden Dozenten, die Vokabel "Verelendung" wurde – wodurch auch sonst? – durch arme Leute auf den Bildschirm transportiert, und was die Vorstellung des "objektiven Geistes" angeht, so sah sie sich durch ein – Mühlrad gespiegelt. Kurzum, Verblödung, Verwirrung und Ablenkung beherrschten die Szene.

Läßt sich, frage ich mich, die Zerteilung der deutschen Arbeiterklasse unglücklicher als durch eine Gegenüberstellung von Ernst Bloch (dem Redner bei der "sozialdemokratischen" Trierer Marx-Feier) und Wolfgang Abendroth (dem Redner bei der "kommunistischen" Gegenveranstaltung) veranschaulichen? Wenn man schon, exempli causa, zwei Marxisten, die dazu Freunde sind, miteinander konfrontieren will, dann muß man mindestens kommentierend erklären: "Hier, auf der Veranstaltung der Kommunisten, spricht ein aus der SPD vertriebener Politologe, und dort, beim Kongreß der Sozialdemokraten, redet ein von der SED für wissenschaftlich vogelfrei erklärter Philosoph." Ohne eine solche Erklärung befördert das Bild nur die Konfusionen. (Dann schon lieber das Mühlrad. Dann schon lieber die Tautologie.)