Von Rudolf Walter Leonhardt

Für die Freunde kam sein Tod nicht unerwartet. Die Leser haben lange und vergeblich auf ein neues Buch von ihm gehofft. Während der letzten Jahre hatte sich Erich Kästner ganz in seine Münchener Wohnung zurückgezogen. Lotte, die Frau, die er ein langes Leben hindurch auf seine Weise liebte, hatte es übernommen, ihm alle Störungen, die dauernd auf ihn zukommen wollten, die öffentlichen wie die privaten, so gut wie möglich fernzuhalten.

Er, der vom Schreiben und für das Schreiben lebte, war während der letzten Jahre nicht mehr zum Schreiben zu bewegen. Und das ist von all den Paradoxa, die sich für mich mit dem Erlebnis Erich Kästner verbinden, noch das am leichtesten erklärbare: Er besaß ein untrügliches Gefühl für literarische Qualität; und daher hatte er Angst, daß der Schreiber Kästner vor dem Kritiker Kästner nicht mehr bestehen könnte.

Das treffendste Paradoxon entsprang dem diabolisch-genialen Einfühlungsvermögen des jungen Robert Neumann: "Halb Bürgerschreck und halb erschrockener Bürger" –auf diese Formel fand Kästner sich gebracht durch den Parodisten mit fremden Federn oder unter falscher Flagge. Jung-Neumann ahnte wohl nicht, daß er damit eine Verbindung herstellte, die Krieg und Emigration und Rückkehr zum Deutschen überdauern sollte. "Haßliebe" würde ich sie nennen, wenn ich nicht zu wissen glaubte, daß Kästner unfähig war zu hassen und daß am Ende, nach 1945, fast nur noch Liebe da war.

Immer neue Paradoxa:

Kästner war Junggeselle. Aber er liebte Frauen und Kinder. Und er wurde von Frauen und Kindern geliebt.

Kästner war die Anständigkeit und moralische Vernunft in Person. Aber er liebte Striptease und Nachtlokale, er. rauchte Zigaretten ohne Filter und trank Whisky, ziemlich viel Whisky.