Wenn man von jemandem sagt, er sei in den Sielen gestorben oder (etwas feiner) "Der Tod hat ihm die Feder aus der Hand genommen", dann denkt man an einen Mann in gutem Alter, voller Vitalität, die der Tod überraschend beendete. Bei Dr. Wilhelm Güssefeld treffen diese Bilder, obwohl er 88 Jahre alt war. Wenige Tage vor seinem Tode diktierte der Generalbevollmächtigte und Vorstand der ZEIT-Stiftung zu komplizierten Sachverhalten Briefe von höchster juristischer Präzision. Er war nicht zufrieden gewesen mit der Konstruktion, die ich (in aller Eile) für den Übergang der WIRTSCHAFTSWOCHE auf Holtzbrinck geplant hatte; er ließ mich sein Befremden ohne Umschweife spüren. Und ich glaube fast: Er hatte recht. Die letzte geschäftliche Besprechung hatten wir zwölf Stunden vor seinem Tode.

Als Güssefeld 1953 zum ZEIT-Verlag kam, war er 67 und gerade als Vorstand der "Hypothekenbank in Hamburg" pensioniert. In diesem Alter sehnt man sich nach Beendigung der aktiven Pflichten. Nicht so Güssefeld. Noch 21 Jahre lang – fast ein zweites Arbeitsleben – hat er gerade die schwierigsten Aufgaben souverän attackiert und meist auf das beste gelöst. Wir holten den Pensionär 1953, weil der bisherige Verlagsleiter (die Banken hatten ihn in unserer Finanzkrise 1950/51 eingesetzt) voll panischen Schreckens über die unsolide Finanzierung von Zeitungen sein Amt niedergelegt hatte. Güssefelds außergewöhnlicher Ruf in der Hamburger Kaufmannschaft erstickte alle Zweifel, vor allem die der Banken, bei denen wir stark verschuldet waren. Seine Akkuratesse brachte auch das Finanzbild bald in Ordnung.

Kaum war das einigermaßen geglückt, brach unter den (damals) drei Gesellschaftern des ZEIT-Verlages ein Streit aus, der das Unternehmen zu zerstören drohte. Güssefeld war es, der das Haus zusammenhielt. Er stellte uns Gesellschafter alle kalt, bis ein Schiedsgericht den Krach beendet hatte, und nahm die Geschäfte – Bestellung der neuen Redaktion eingeschlossen – selber in die Hand. Das glückte, weil jedermann seine unbeirrbare Redlichkeit und Integrität anerkannte. Güssefeld, das wußte man, würde niemandem Unrecht tun. Danach kamen: die Fusion Jahr, Gruner, Bucerius zum Druck- und Verlagshaus Gruner + Jahr; die Verhandlungen mit Bertelsmann; die ZEIT-Stiftung. Wenn nicht die Idee, so doch das Gerüst dessen, was da jetzt steht und wohl auch einst sein wird, stammen von ihm.

Wir sind tief in seiner Schuld.

Gerd Bucerius