Noch in diesem Jahr will sich Lilli Palmer in Egon Günthers DEFA-Verfilmung von Thomas Manns "Lotte in Weimar" endgültig aus dem Filmgeschäft zurückziehen. Ein Plauderstündchen mit Guido Baumann im ZDF flocht der Mimin schon vor Monaten einen Kranz und half beim Werbefeldzug für das inzwischen schon obligatorische Erinnerungsbuch, das prompt auf die Bestseller-Listen geriet –

Lilli Palmer: "Dicke Lilli – gutes Kind"; Verlag Droemer Knaur, Zürich, 1974; 448 S., 29,50 DM.

Da ist es also, das "Buch wie eine Rose", in Auszügen vorabgedruckt in "Hör zu", von der Kritik, auch von der seriösen, begeistert aufgenommen. Konkurrenz für die Knef?

Das Buch ist amüsant, bisweilen ganz ernsthaft und nachdenklich geschrieben. Wenn Frau Palmer sich auf ausführliche Beschreibung ihrer Begegnungen mit prominenten Zeitgenossen einläßt, erweist sie sich als genaue Beobachterin. Die Kapitel über Shaw und Noel Coward können sich als lebendige, nuancierte Porträtstudien sehen lassen.

Nicht selten freilich wird der Leser mit jenem atemlosen Klatsch belästigt, der die meisten Starmemoiren zu einer strapaziösen Lektüre werden läßt. Da dürfen die Windsors nicht fehlen und die Garbo auch nicht. Schlimm wird das Buch an jenen Stellen, wo die Schauspielerin Lilli Palmer über ihre Arbeit berichtet. Da tun sich unversehens Abgründe an freundlicher Ignoranz und koketter Bösartigkeit auf. Einer der besten Filme, in dem Lilli Palmer das Glück hatte mitspielen zu dürfen, Robert Rossens "Body and Soul", wird nur ganz am Rande gestreift und mit der erhellenden Bemerkung abgetan, dies sei einer der "alltime"-Klassiker des amerikanischen Kinos. Nichts über die Arbeit mit Rossen, dafür viel über den gesammelten Schrott der fünfziger Jahre, von "Feuerwerk" bis "Anastasia".

Zu Fritz Lang, unter dessen Regie sie 1946 in "Cloak and Dagger" neben Gary Cooper spielte, fallen Lilli Palmer ein paar Geschichten ein, die den alten Fritz als exzentrischen Schinder darstellen. Sie zieht so freundliche Regisseure wie Hitchcock vor – der seine Stars am liebsten mit Rindviechern vergleicht: "Ich hatte in England ein paarmal mit namhaften Regisseuren gearbeitet, darunter Hitchcock, David Lean, Carol Reed. Alle waren, wenn auch manchmal autoritär, ansprechbar und versuchten, ein entspanntes, freundliches Arbeitsklima im Atelier zu schaffen. Fritz Lang war um das Gegenteil bemüht." Nur: Bei Fritz Lang spielte die Palmer die Hauptrolle, mit Hitchcock hatte sie 1936 bei der Somerset-Maugham-Verfilmung "The Secret Agent" als Edelkomparsin zu tun...

Manchmal nimmt es Lilli Palmer mit den Tatsachen nicht so genau. Bei den großen Hollywood-Partys Mitte der vierziger Jahre gehörte, laut Frau Palmer, auch Dean Martin zur illustren Runde; er kam freilich erst 1949 nach Kalifornien, um zusammen mit Jerry Lewis seinen ersten Film "My Friend Irma" zu drehen.

Es sind weniger die falschen Details, die stören, als eine generelle Ahnungslosigkeit im eigenen Metier. Das Qualitätsbewußtsein von Lilli Palmer artikuliert sich leider in der Beschränkung auf das Populäre und Prominente. Aber selbst mit dem gepflegten Klatsch ist das so eine Sache: Die Schauspielerin Carole Landis, Geliebte des ersten Mannes von Lilli Palmer, Rex Harrison, die 1948 Selbstmord beging, wird als "nur zu gut bekanntes" Starlet mit zweifelhafter Callgirl-Vergangenheit diffamiert. Kein Wort davon, daß Carole Landis eine beachtliche Schauspielerin war, die in interessanten Filmen Hauptrollen spielte, etwa in Douglas Sirks "A Scandal in Paris". Hans C. Blumenberg