Von Benjamin Henrichs

In Thomas Bernhards neuem Stück geht es unter anderem darum: wie man ein Schuhfetzchen und ein Taschentuch im rechten und linken Hosensack zu plazieren hat. Oder, noch ausführlicher: wie man verhindern kann, daß einem beim Baßgeigen die Haube vom Kopf herunterfällt. Es geht also sehr oft und mit enervierender Gründlichkeit um Nebensächlichkeiten. Und das bei einem Autor, der bisher immer nur von Hauptsachen reden mochte, von den größten und letzten Dingen: von der Welt und vom Tod.

Thomas Bernhard, den eine nach Tiefsinn gierende Interpretengemeinde in den letzten Jahren zum Schmerzensmann der deutschen Literatur hinaufstilisierte, er hat etwas höchst Befreiendes und Profanes getan: eine Komödie geschrieben. Wollte man nun feierlich sein, müßte man wohl sagen: die erste deutsche Komödie seit undenklich langer Zeit. Aber gerade feierlich ist einem nach diesem Stück nicht zumute; eine Botschaft hinterläßt das Stück nicht, nicht einmal ein Problem. Man geht aus dem Theater mit einem leeren und vergnügten Kopf.

Einen richtigen Inhalt hat das Stück auch nicht; eine einzige Situation, ein einziger Einfall wird durch drei Szenen hindurchgeschleppt, in immer neuen Varianten ausprobiert. Der Einfall ist: fünf Leute versuchen, das Forellenquintett zu spielen, und das gelingt ihnen nicht. Musik kommt nicht zustande, weil den Musikanten dauernd etwas zustößt: ein Mißgeschick mit einem Gegenstand oder (viel häufiger) ein Mißgeschick in ihrem Kopf.

Karl Valentin hat über diesen Einfall mehrere kurze Szenen geschrieben – so bescheiden wie genial. Ganz so bescheiden ist Thomas Bernhards Komödie nicht. Wohl führt sie verwahrloste Zustände, verschlampte Musikanten vor – doch sie tut das mit höchster artistischer Kalkulation, auf höchstem Formulierungsniveau. Der Unsinn wird zur sprachlichen Höchstform gebracht. Denn während den fünf Musikern ihre Musik mißglückt, glückt ihnen eine Fülle leuchtend scharfsinniger Welterklärungsformeln: "Die Wahrheit ist ein Debakel." Oder: "Das Leben besteht darin, Fragen zu vernichten." Auch "Die Macht der Gewohnheit" ist also voll von Bernhardschen Schluß- und Ewigkeitssätzen. Aber sie klingen heller als in den anderen Stücken, wacher, weniger wehleidig, sprechen nicht im apokalyptischen Jammerton.

Fünf Leute versuchen, Musik zu machen. Seit zweiundzwanzig Jahren probiert man dasselbe Stück, schuftet für einen unnützen Traum – für die Idee von der "perfekten Musik", von der Herr Caribaldi, Zirkusdirektor, Cellist und Quintett-Vorstand, besessen ist. Wahrscheinlich ist es ein kümmerlicher Zirkus, den Caribaldi leitet – immer die gleichen zermürbenden Tourneen, vorgestern Iserlohn, morgen in Augsburg. Casals, von dem Herr Caribaldi schwärmt, die Perfektion, von der er träumt: all das ist unendlich (also lächerlich) weit entfernt. Der Dompteur (und Quintett-Pianist) ist ein totaler Barbar, ein "Kunstzertrümmerer", am Klavierspiel gänzlich uninteressiert. Also benutzt er das Instrument als Biertisch, zum Zerhacken von riesengroßen Rettichen. Der Jongleur (Violine) ist ein ewig quengelnder, in Scheinrevolten gegen seinen Direktor sich erschöpfender Subalterner; die Enkelin (Seiltänzerin und Viola) bohrt sich bei Schubert in der Nase; und dem Spaßmacher (und Baßgeiger) fällt eben dauernd die Haube vom Kopf. Und Herrn Caribaldi, der all diese untauglichen Künstler zur Kunst gezwungen hat, plagen eine Fingerschwäche, ein Rückenleiden und ein Holzbein.

Nach zweiundzwanzig Jahren ist er seinem Ziel, einmal das Forellenquintett in der Manege aufzuführen (fehlerlos), nicht nähergekommen. Trotzdem wird er weiterprobieren, in seine Qualen verliebt: "Die Wahrheit ist / ich liebe das Cello nicht /Mir ist es eine Qual / aber es muß gespielt werden / meine Enkelin liebt die Viola nicht / aber sie muß gespielt werden / der Spaßmacher liebt die Baßgeige nicht / aber sie muß gespielt werden / der Dompteur liebt das Klavier nicht / aber es muß gespielt werden / Und Sie lieben ja auch die Violine nicht / Wir wollen das Leben nicht / aber es muß gelebt werden."