Die Steuern wurden reformiert – doch nicht die Umstände ihrer Entrichtung. Die Finanzämter bleiben, was sie sind:

Auch wenn das nicht in denselben Topf zu passen scheint: Die Ursachen der folgenden Szene hätten es nötig, auch einmal zum Gegenstand einer Steuerreform zu werden:

Hinter der Tür mit der Milchglasscheibe bewegt sich ein Schatten. Der Schatten krümmt sich, die Tür geht auf, das Schild "Eintritt nur nach Aufruf schaukelt hin und her, ein Mann tritt aus dem Bürozimmer. Unter den linken Arm hat er ein Handtuch, einen "Kulturbeutel" und eine Tüte Kaffee der Marke "Gold" geklemmt, in der Hand balanciert er zwei Kaffeetassen, rechts trägt er eine Kaffeekanne. Mit gar nicht ungeschickten Verrenkungen schließt er die Tür mit dem Ellenbogen – keiner von denen, die davor warten, hat ihm geholfen. Sie verfolgen ihn statt dessen mit Spießrutenblicken auf dem Weg zum Klo, wo, wie leicht zu kombinieren ist, auch Kaffee gekocht und abgewaschen wird. Ein eigentlich vernünftig wirkender Fünfzigjähriger, sichtbar enttäuscht, daß die sich öffnende Tür nicht seinem Aufruf gegolten hat, sagt laut genug: "Der deutsche Beamte frühstückt. Na ja!" Die Meute der Wartenden grinst hämisch Beifall – etwas, das sie unter normalen Umständen ekelhaft fänden.

Aber das war kein normaler Umstand: Die Umwelt, in der sie sich befanden, trübte ihr Urteil und ihren Sinn für Gerechtigkeit und Anstand. Erst, sagt Marx, machen Menschen Häuser und dann Häuser Menschen. Hier verhielten sie sich, wie das Gebäude es ihnen unmerklich suggerierte, wie Besucher, die auf den Flur einer fremden Wohnung gedrungen waren und deren Inhaber sie mit lästigen Wünschen und Fragen belämmern: wie Untertanen. Zwar sind sie theoretisch bei sich selber zu Hause (wenn man den Staat als das Produkt der Gemeinschaft, die sie bilden, ansieht und die Definition der Steuer als "Zwangsabgabe ohne besondere Gegenleistung nicht als Unterdrückung versteht); statt dessen aber entwickeln sie Gefühle, die dem widersprechen: Ungeduld, Angst, Ohnmacht, Resignation, Ressentiments, Hoffnung, Wut. So muß man die Opfer ihrer "Na-ja"-Verdammnis, die Finanzbeamten, bisweilen bewundern für das Verständnis, das sie ihren Klienten bewahren.

Aber sind das denn Klienten, so, wie man sie empfängt: auf Korridoren? Empfängt! Als ob sie in lichte Warteräume gebeten, in freundlichen Sprechzimmern zur Kenntnis genommen würden. Nein, sie stauen sich auf engen oder viel zu weiten, endlosen oder stummelhaften, zugigen oder stickigen, auch stinkenden Fluren, scheinbar alphabetisch geordnet, in Wirklichkeit aufgeteilt nach Gebrechlichkeit oder Cleverness, wie das offenbar in der ganzen Stadt zusammengeklaubte Zufallsmobiliar aus Bürostühlen, und Gartenbänken es fügt. Man fühlt, daß man im Wege ist.

Finanzämter – ob von Scheuklappenarchitekten neu gebaut oder nur aus wilhelminischen oder nationalsozialistischen Amtsburgen dazu gemacht – beherrschen fast nur die architektonische Gebärde der Erniedrigung. Finanzämter erinnern an Festungen, in denen sich Verwaltende gegen Verwaltete verschanzen, und an Zwingburgen, in denen der Zehnte erpreßt wird, und da, wo die düsteren Korridore mit vergilbten Badehauskacheln ausstaffiert sind, lassen sie an die vergegenständlichte Metapher vom Haus denken, in dem man "bis aufs Hemd ausgezogen" wird: Provisorien, denen träge Ewigkeit innewohnt, in denen die pervertierte Sparsamkeit des Staates umschlägt in die Diffamierung seiner Bürger. Die sind "als Publikum auf den Flur verwiesen".

Adolf Arndt hat das in seiner Rede über "Demokratie als Bauherr" gesagt und den vordergründigen Hinweis auf die "teuren Versicherungs- und Bankpaläste" korrigiert: "Immer ist es ein Alarmzeichen für die Demokratie, sobald aus einer Gesellschaft, die Vergeudung keineswegs scheut, der Fanatismus einer angeblichen Sparsamkeit laut wird, daß die Gesellschaft es ja nicht wert sei, sich selber in Bauten Organe zu geben, die dem Gemeinsamen gewidmet sind." So betrachtet, hieße die Fortsetzung der Steuerreform: Reißt die Finanzämter nieder und baut Häuser, in denen der Bürger sich fühlt, wie seine Verfassung ihn versteht: als Souverän.

Manfred Sack