Von Rolf Düdder

Es sind zumeist ältere Ehepaare, die die 16-Tage-Rundreise von Travemünde nach Lappland in einem Sonderzug der Schwedischen Staatsbahnen gebucht haben. In diesem Jahr lagen für die fünf vorgesehenen Kreuzfahrten – die letzte findet vom 8. bis 23. August statt – über 250 Anmeldungen aus Deutschland vor. Die Schienenreise in komfortablen Ein- und Zwei-Bett-Abteilen führt zumeist durch eine herbe Landschaft von grandioser Eintönigkeit: Wälder, Seen und wieder Wälder. Nur gelegentlich lockern dunkelrot gestrichene Holzhäuser das Bild auf. Am Polarkreis geht die Maschine auf halbe Fahrt. Weiße Steine verlieren sich wie eine gepunktete Linie in der Unendlichkeit des sommerlichen Grüns, das die Sonne bis zur zweiten Julihälfte ununterbrochen in eine unwirklich fahle Helle taucht.

In Kiruna zeigt das Thermometer 31 Grad im Schatten an. Mächtige Abraumhalden und die Übertage-Anlagen der staatlichen Erzgrube Kirinavaara prägen das Gesicht dieser modernen Goldgräberstadt, die Hjalmar Lundbohm vor 84 Jahren zur Erschließung der riesigen Eisenerzvorkommen gründete. Das Stadtgebiet ist 20 000 Quadratkilometer groß. 4000 der 31 000 Bewohner sind in der Grube beschäftigt. Die Fremdenführer schwelgen in Superlativen: "The biggest town of the World" hat auch "the biggest underground-mine in the world". In Ermangelung anderer Sehenswürdigkeiten werden die Gäste zur Besichtigung gebeten.

In Stockholm, am Siljan-See im Hügelland des mittelschwedischen Dalarna und in Kiruna unterbricht der Sonderzug die Kreuzfahrt für jeweils drei Tage. Während dieser Zeit können insgesamt sieben Ausflüge unternommen werden. Zum Grundpreis in Höhe von 1759 Mark (Hummel Reise) kommen für alle Fahrten noch einmal 370 Mark hinzu. Kluge Rechner können mehr als einen Hunderter sparen, wenn sie die angebotenen Fahrten nicht über den Reiseveranstalter, sondern über die örtlichen Verkehrsvereine buchen. Dann nämlich zahlen sie für die vierstündige Exkursion nach Narvik zum Beispiel nicht 50 Mark, sondern nur 64 Kronen, also 38,40 Mark (eine schwedische Krone = 0,60 Mark).

Der rundliche Ake Schröder, Rezeptions- und Verkaufschef des Hotels Ferrum in Kiruna, hat inzwischen den Umgang mit deutschen Urlaubern im Griff. "Man muß ihnen", sagt er, "zunächst einen Teller Suppe anbieten. Dann sind sie zufrieden." Bei Beschwerden betont er beflissen: "Das wird selbstverständlich notiert." So hat er seine Ruhe, und dann kann man gelegentlich mit ihm an den Rautasälv fahren. Der Wildwasserfluß schäumt durch verfilzte Wälder, die rundum bis an den Horizont reichen. Wo das Wasser zwischen den Steinblöcken nicht aufkocht, beißen Forellen und Äschen.

Nur die Mücken sind überall! Sie brüten zu Myriaden in Tümpeln und im Morast, lassen sich vom mitgebrachten Dschungelöl nicht abschrecken und stechen selbst durch die Kleidung. Während der warmen Sommertage vertreiben sie die sonst so unverdrossenen Angler aus der Einsamkeit, schwärmen in Wolken über den einsamen Paittasjärvi-See und trüben den Blick auf den 2123 Meter hohen Kebnekajse. Die Lappen haben ihre Rentierherden um diese Jahreszeit längst auf die Berghänge getrieben. Auch sie auf der Flucht vor dem Ungeziefer? Vor vierzig Jahren gaben sie ihr Nomadendasein auf. Das Lappendorf Jukkasjärvi bei Kiruna ist nur noch ein Freilichtmuseum.

Pünktlich um 14 Uhr fährt der Zug von Kiruna ab. Am nächsten Morgen um acht Uhr kommt er in Falun an. Seit mehr als 1000 Jahren wird hier Kupfererz abgebaut. Das Labyrinth der unterirdischen Stollen und Gänge erinnert an einen Fuchsbau. Um die Gruben der "Stora Kopperberg" ranken sich Legenden: Gegen Ende des 17. Jahrhunderts verschwand der Bergmann Mats Israelson. Seine altgewordene Braut erkannte ihn wieder, als im Jahre 1719 eine durch Kupfervitriol konservierte Leiche im Berg gefunden wurde. Heinrich von Kleist hat daraus die Novelle "Das Unglück von Falun" gemacht.