Ein Preisbrecher bringt den Büchermarkt durcheinander

Im März öffnete die größte Buchhandlung von Paris ihre Pforten – jetzt werden sie wieder geschlossen. Doch nicht fehlende Kundschaft ist die Ursache für verriegelte Türen, sondern ein unerwarteter Ansturm auf die Buchregale. Mit einem Tagesumsatz von 4000 Büchern hatten die Literaturverkäufer gerechnet. Heute finden 8000 Exemplare pro Tag ihren zahlenden Abnehmer, samstags sogar 10 000.

Das Kürzel für den Erfolg: Fnac, seit fast 20 Jahren Preisbrecher bei Photo, Phono, Film, Schallplatte und Haushaltsgerät, seit knapp sechs Monaten Schreckgespenst aller Buchhändler an der Seine.

Mit einem Photoladen von 30 Quadratmetern fingen André Essel (55) und Max Theret (61) 1954 an, der eine Journalist und trotzkistischer Weltverbesserer, der andere Photograph und roter Veteran des spanischen Bürgerkrieges. Heute sind Essel und Theret Patrons von 1100 Mitarbeitern, die Verkaufsfläche ist fast 600mal so groß wie beim Start und der Umsatz pro Quadratmeter höher als in irgendeinem vergleichbaren Pariser Kaufhaus oder Supermarkt. Dabei schlagen Fnac-Preise, Fnac-Qualität und Fnac-Service fast jede Konkurrenz.

Das Rezept für den unaufhaltsamen Aufstieg: "Mehr verkaufen, um billiger zu verkaufen." Rund zwölfmal im Jahr schlägt die Fnac ihr Lager um. Dazu gehören heute auch Sportartikel, Schiffszubehör und Reisen. Und um den Umsatz von 385 Millionen Francs (1972/73) verkraften zu können, beteiligten die beiden Gründer Banken und Versicherungen an ihrer Aktiengesellschaft. In zwei, drei Jahren wollen sie an die Börse gehen, um die Finanzierung von rund 20 Stützpunkten in der Provinz zu ermöglichen.

Anfangs tat die Konkurrenz alles, um den unerwünschten Preisbrecher kleinzukriegen. Sie stachelte die Lieferanten zum Boykott an. Doch die Fnac-Bosse gingen vor Gericht. Auch hier blieb ihnen der Erfolg treu. Jeder Prozeß erwies sich zudem als willkommene Publizität für die Billigverkäufer.

Doch die Fnac (Vorbild: des Schweizers Gottlieb Duttweiler Migros-Läden) bietet auch einiges, um einmal gewonnene Kunden bei der Stange zu halten. Wer 20 Francs einzahlt, wird zum Fnac-Anhänger ernannt. Sein Vorteil: zwei Prozent Vorzugsrabatt und kostenloser Bezug der Fnac-Zeitschrift "Contact". 380 000 Fnac-Fans (zu fast zwei Dritteln höhere Angestellte, Freiberufler und Studenten) wollen auf diese kritische Kunden-Postille nicht verzichten. Sie unterrichtet nämlich nicht nur über Marktneuheiten, sondern bietet echte Warentests, wobei die Prüfer nicht selten den billigeren Artikel empfehlen.