Bremen

Der Ruf "Walther kommt" hatte nie den Charakter eines Alarmsignals. Im Gegenteil. Wenn Walther Schünemann, Verleger der Bremer Nachrichten, sein Zimmer mit den alten Ledersesseln in der Chefetage des Verlagshauses An der Schlachte verließ, wenn er, die dicke Zigarre in der Hand, in den Paternoster kletterte, um zwei Stockwerke höher in der Redaktion Guten Tag zu sagen, dann freuten sich eigentlich alle.

Nun geht Walther. Der 78jährige und sein zwei Jahre älterer Bruder Carl haben ihr Lebenswerk aufgeben müssen. Die im 232. Jahrgang erscheinende viertälteste deutsche Zeitung Bremer Nachrichten wurde wegen finanzieller Schwierigkeiten am 25. Juli an das ortsansässige Konkurrenzblatt Weser Kurier verkauft.

Die beiden alten "Schünemänner", der eine seit Jahrzehnten für die Redaktion, der andere für den technischen Betrieb verantwortlich, haben die dramatischen Schlußverhandlungen um das Blatt nicht mehr selbst geführt. Ihre Söhne Carl-Fritz und Carl, Mitglieder der jüngsten Generation in der Verlegerdynastie Schünemann, setzten die Endpunkte. (Siehe auch Seite 25: "Verkauft im 232. Jahr".)

Ohne nostalgische Empfindungen an das alte Blatt und seinen Verleger Walther zu denken, ist kaum möglich. In der Hansestadt Bremen gab es in diesen Wochen viele Sympathiebeweise für die Zeitung, die ein Stück Bremische Geschichte verkörperte. Die Bremer Nachrichten sollen weiter existieren hat der neue Besitzer versprochen, aber noch ist alles ungewiß, auch das Schicksal des nicht mitverkauften Buchverlages. Mit diesem, meint Walther Schünemann, sei nicht viel zu verdienen. "Das Geschäft machen die Großen."

Walther Schünemann, einst verwaltender Bauherr vom Bremer Dom, Vorsteher des Hauses Seefahrt, Mitglied in renommierten Bremer Gesellschaften und Klubs, ständiger Gast bei der Schaffer-Mahlzeit, dem ältesten Bruder-Mahl der Welt, ist sicher: "Die Konkurrenz und der vom Weser Kurier bestimmte Abonnementspreis von sechs Mark" habe sein Blatt kaputt gemacht.

Branchenkenner wissen freilich, daß es außer einem für die Bremer Nachrichten ruinösen Wettbewerb auch andere Gründe für das Ende der Schünemann-Ära gibt. Familienstreit und Form und Inhalt des Blattes, lähmende Fixierung der Schünemänner auf die Konkurrenz, Mangel an verlegerischem Elan, ein die Leser verschreckendes Herumexperimentieren mit Layout und Farbe und über Jahre hinaus eine undifferenzierte Aversion gegen alles "Sozialdemokratische" in der sozialdemokratischen Hochburg Bremen. Als Schünemann endlich, gedrängt von einer ambitionierten Redaktion, auf arbeitnehmerfreundlicheren Kurs einschwenkte und damit den Weser Kurier streckenweise bei weitem übertraf war es zu spät. Da hatten die Bremer Nachritten ihren Ruf als eine stockkonservative Zeitung für ältere Leute schon längst weg. Der Weser Kurier besaß den Markt, und die inzwischen abgewanderten Abonnenten bemerkten den Wandel der Bremer Nachrichten nicht mehr.