Die Fortgeschrittenheit einer Literatur läßt sich (unter anderem) daran messen, inwieweit sie sich der Sexualität bemächtigt hat, ohne sie zum puren Stimulans für den Leser und für die Verkaufsziffer zu machen. Denn die Sexualität reicht von der bloßen Lustgymnastik weit in die sozialen Beziehungen hinein und in die existentiellen Tiefen: ihr offenbar ontologischer Charakter soll endlich, endlich offenbar werden.

Günter Kunert in seinem Essay Sozialistische Gesellschaft und Pornographie", "Frankfurter Rundschau", 24. Juli 1974

Salzburger Dramaturgie

Von den Österreichern kann selbst ein Regisseur wie Giorgio Strehler noch lernen, was Dramaturgie, was Regie ist. Während der Italiener von Interview zu Interview eilte, treuherzig versicherte, er habe das Werk, das er zur Eröffnung der Salzburger Festspiele dieses Jahres inszenieren durfte, Mozarts "Zauberflöte", noch nie auf der Bühne gesehen und naiv bald die zahlungskräftige Elite, bald das einfache Volk zum Adressaten seiner Regietaten erklärte, inszenierten die zunehmend vergrätzten Salzburger Festspiel-Hinter- und Obmänner eine echt österreichische Theater-Intrige. Durch eine Indiskretion kam termingerecht zu Strehlen Eröffnungs-Premiere eine 216 Seiten dicke Anklageschrift des Rechnungshofes an die Öffentlichkeit. Für die Jahre 1965 bis 1973 werden der Festivalleitung Leichtfertigkeit im Umgang mit und Verschwendung von Steuergeldern, mangelndes betriebswirtschaftliches Denken, Fehlplanungen, Konzeptionslosigkeit, Schlamperei und Interessenkollision zwischen den (mit Steuergeldern subventionierten) Sommerfestspielen und Karajans (privatem) Osterfestival vorgeworfen. Für 1974 wird mit einem Defizit von fünfzig Millionen Schilling (sieben Millionen Mark) gerechnet. Besonders kritisch beurteilen die Rechnungsprüfer des Staates Strehlers Inszenierung des "Spiels der Mächtigen", das 13 Millionen gekostet, aber nur vier Millionen Schilling eingespielt hat. In Salzburg wird die vorzeitige Veröffentlichung des Berichtes mit Karajans nachlässiger Einstudierung und musikalischen Leitung der Strehlerschen "Zauberflöte" in Verbindung gebracht. Zwischen dem Dirigenten, der seinen Ruhm durch die Publizität des "Konsulenten" Strehler schwinden fühlt, droht ein "Spiel der Mächtigen" auszubrechen, das Salzburg mehr als nur finanziellen Schaden bringen könnte.

Bayreuths Dunkel licht genug?

Mit entwaffnender Naivität tappte der Leiter der Bayreuther Festspiele, Wolfgang Wagner, bei der Pressekonferenz dieses Jahres Mit seinen Gästen im Dunkeln: Auf fast alle Fragen konnte Wolfgang Wagner keine Antwort geben. Zwar wird der Hausherr selbst 1975 den "Parsifal" inszenieren, als sein "Alterswerk", wie er sagte, doch hat er bis jetzt noch keinen Dirigenten. Ebenso ungewiß ist, ob seine Inszenierung des "Ring" im kommenden Jahr noch einmal wiederholt wird. Fest steht nur, daß zum hundertjährigen Bestehen der Festspiele 1975 eine neue Inszenierung der Tetralogie herauskommen soll. Doch weiß Wolfgang Wagner heute noch nicht, wer diesen Kraftakt als Regisseur oder Dirigent leisten soll. Oder läßt Wolfgang Wagner die Frager absichtlich im Dunkeln? Zwei Gerüchte wollen in diesen Tagen auf dem Grünen Hügel nicht verstummen: daß Pierre Boulez sich als Regisseur Peter Stein oder Klaus Michael Grüber ausbedungen habe, wenn er als Dirigent nach Bayreuth kommen solle, und daß August Everdings Aufenthalt im Bayerischen Kontakte mit Kultusminister Maier erleichtert habe, der Everding unbedingt als Rennerts Nachfolger an der Münchner Staatsoper sehen will.

Altstadt-Denkmäler

"Wie die Faust aufs Auge", so hatte die "Süddeutsche Zeitung" noch tags zuvor vermerkt, "paßt das Stahlbeton-Fernmeldeamt an der alten Eichstätter Stadtmauer in das mittelalterliche Straßenbild mit seinen historischen Fassaden": Es handelte sich, wie ein Photo mit brutaler Eindringlichkeit zeigte, um eine dieses Stadtbild zerstörenden Bau-Untaten, wie sie vornehmlich von Staat und Kommerz begangen werden: ein unförmiger, seine feingliedrige enge Umgebung ignorierender Kastenbau. Für den Postklotz kam jedenfalls zu spät, was tags darauf in derselben Zeitung gemeldet wurde und den Frevel verhindert hätte: Die ganze Altstadt von Eichstätt wurde – ebenso wie die Altstadt von Beilngries am Zusammenfluß von Altmühl und Sulz – unter Denkmalschutz gestellt. Das nächste Projekt, das sich der bayerische Landesdenkmalrat vorgenommen hat, ist die neben Bamberg und Lübeck berühmteste und am stärksten gefährdete alte Stadt der Bundesrepublik: Regensburg. Auch hier sollen nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze zusammenhängende Teile der alten Stadt "als Ensemble" vor barbarischen Eingriffen bewahrt werden.