Sir:

ich bin Ihnen sehr dankbar für die freundliche Zusendung der Novemberausgabe Ihrer Zeitschrift, die den Artikel von Peter Viereck, "Hitler und Richard Wagner", enthält. Sie nehmen an, daß ich als eingestandener Bewunderer der Kunst Richard Wagners gegen diesen Aufsatz viel einzuwenden habe und gestimmt sein müsse, gegen ihn zu protestieren. Ich muß Sie enttäuschen. Das ist nicht der Fall. Ich habe Herrn Vierecks Arbeit mit fast unausgesetzter Zustimmung gelesen und halte sie für außerordentlich verdienstvoll. Zum erstenmal, soviel ich sehe, in Amerika, erfahren hier diese verzwickten und peinlichen Verhältnisse, die Beziehungen, welche unbestreitbar zwischen der Wagnerschen Sphäre und dem nationalsozialistischen Unheil bestehen, eine scharfe und unerbittliche Analyse, die vieler sentimentalen Ahnungslosigkeit den Garaus machen wird. Die Bestürzung, Verwirrung und Desillusionierung, die sie in manchen gutgläubigen Köpfen und Herzen anrichten mag, ist keine andere, als die, welche die Erkenntnis überhaupt zunächst erregt, und muß in den Kauf genommen werden um des Dienstes willen, der der Wahrheit damit erwiesen wird.

Ich kann das bittere Gelächter nur zu wohl verstehen, das Ihren Mitarbeiter ankam, als er bei jenem fashionablen Wagner-Konzert den Sprecher festlich unterscheiden hörte zwischen dem Deutschland Hitlers und dem Deutschland Wagners, welches nämlich ein Deutschland der freien Kunst, der rassischen Duldsamkeit und der Demokratie sei. Freie Kunst – das lasse ich mir noch gefallen. Sie waren in der Tat sehr freie Kunst, diese gefühlvoll-intellektuellen Meisterwerke eines musikalisch-dramatischen Histrionengenies, die da in einer noch klassisch-humanistisch gestimmten Welt ihren von empörtem Widerspruch und Hohngelächter umbrandeten Siegeszug antraten, und es ist ganz gewiß, daß man Wagner zu seiner Zeit, hätte es das Wort schon gegeben, einen Kultur-Bolschewisten genannt haben würde. Aber rassische Duldsamkeit? Demokratie? Da sieht es böse aus. Nietzsche hatte mit Wagner noch nicht öffentlich gebrochen, und er hielt sich wohl selbst noch für seinen Anhänger, als er sich schon notierte: "Meistersinger – gegen die Zivilisation. Das Deutsche gegen das Französische." Das ist noch nicht Polemik, nur Feststellung. Aber eine Art von Übergang von rein kritischer Erkenntnis zur Absage an Wagners Deutschtum ist es bereits, und es läßt die Tatsache sinnvoll erscheinen, daß es den "Meistersingern" bestimmt war, zur Lieblingsoper unseres armen Herrn Hitler zu werden.

Wenn zweien dasselbe gefällt und einer davon ist minderwertig – ist es dann auch der Gegenstand? Man lese das unvergleichliche Stück Prosa, das Nietzsche dem "Meistersinger"-Vorspiel gewidmet hat. Man lese wieder die berühmte Seite im "Ecce homo" über den "Tristan". Einer der frühesten Wagnerianer war Baudelaire. Wen er, neben dem Autor des "Lohengrin", besonders liebte, war Edgar Allan Poe. Die Zusammenstellung, befremdlich bis zur Unfaßbarkeit für deutsche Ohren (wenn "deutsch" denn ein Synonym für kompletten Psychologiemangel ist), zeigt, wer und was Wagner eigentlich war – abgesehen davon, daß er ein "deutscher Meister" und "gegen die Zivilisation" war: nämlich ein europäischer Künstler von ausgeprägtestem Raffinement, ein mit allen Wassern romantischer Verführung gewaschener Tröster, Beglücker, Bezauberer leidender und vielerfahrener Seelen, dessen Produktion nicht zufällig eine Weltwirkung geübt hat, wie sie keinem Deutschen hohen Ranges sonst je beschieden gewesen ist; der Schöpfer der überwältigendsten dramatischen Vision und Schaustellung, die das moderne Abendland zu bieten hat, ein genauso kluger wie seelenvollsinniger Regisseur des Mythos, dessen unbändiger Begeisterungsdrang alle emotionellen Elemente seines Jahrhunderts, das revolutionär-demokratische sowohl wie das nationalistische, in sein Wirkungssystem einbezog, wie das später d’Annunzio in viel kleinerem Maßstab nachgeahmt hat.

Nietzsche hat von der "doppelten Optik" gesprochen, von der Wagners Riesentalent bestimmt sei, seinem Ehrgeiz, zugleich die Gröbsten und die Feinsten zu gewinnen. Es ist ihm gelungen, und die Folge ist ein gewisses Unbehagen, das ein Teil seiner Bewunderer in Gesellschaft des anderen Teiles empfindet. Eine weitere Folge der ambitiösen Zweideutigkeit dieser Kunst ist eine ebensolche Zweideutigkeit aller höheren Kritik, deren Gegenstand sie ist: einer solchen wird immer etwas Zwiespältiges und leidenschaftlich Ironisches anhaften, sie wird sich aus Hingerissenheit und Mißtrauen eigentümlich zusammensetzen und an jene Liebe der Philosophie zum "Leben" erinnern, von der Nietzsche sagt, daß sie die Liebe zu einem Weibe sei, das "uns Zweifel macht".

Wagner ist eines der schwierigsten, das psychologische Gewissen am tiefsten herausfordernde, darum aber auch eines der faszinierendsten Vorkommnisse der Kunst- und Geistesgeschichte –, und was mich betroffen macht, ist, daß Herr Viereck, in seinem vorzüglichen Artikel, den Anschein erweckt, als hätte ich mich recht stumpf erwiesen vor der Bedenklichkeit des Phänomens und zu der simplistischen Auffassung beigetragen, Wagner sei ein eindeutiger Vertreter des "guten Deutschland" im Gegensatz zu dem bösen des Herrn Hitler. Er führt an, was ich in einem Vortrage über Wagners kunstphilosophische Elaborate gesagt habe – führt es nicht ganz richtig, oder doch nicht vollständig an. Ich habe gesagt, Wagners Aufsätze seien Künstlerschriften von erstaunlichem Scharfsinn, die aber den Charakter der Propaganda pro domo trügen und mit eigentlicher großer Essayistik nichts zu tun hätten. Über das Deutsch, in dem diese "Künstlerschriften" abgefaßt sind, und das, rein als Prosa genommen und von allem Inhalt ganz abgesehen, zweifellos etwas stark Nationalsozialistisches hat, habe ich damals aus Zartgefühl geschwiegen. Schließlich handelte es sich um eine Festrede, die ausländische Gesellschaften, Amsterdam, Paris, zum 50. Todestage Richard Wagners von mir gefordert hatten. Aber Herr Viereck vergißt oder weiß nicht, daß es genau diese Festrede vom Jahre 33 war, die den Ausschlag für meine Emigration oder, richtiger gesagt, meine Nicht-Rückkehr nach Deutschland gab, da ihre Begeisterung von einer Gebrochenheit war, welche die Nazis in blinde Wut versetzt hatte. Diesem Getier ist die Nuance, was dem Stiere das rote Tuch. Aber die Nuance ist es nun gerade, was bei jeder Unterhaltung über Wagner das Aller-unentbehrlichste bleibt.

Darf ich sagen, daß ich in Herrn Vierecks einsichtsreicher Wagner-Charakteristik die Nuance ein wenig vermisse? Ich meine die Nuance der Liebe, der leidenschaftlichen persönlichen Erfahrenheit in dieser schließlich doch über alle Maßen begabten und bewundernswerten Kunst? Wagner hat in naivem Staunen von seinen Werken als von "Wunderwerken" gesprochen. Schließlich – es ist das richtige Wort. Keine Bezeichnung paßt besser auf diese beispiellosen Manifestationen, und auf nichts sonst in der Geschichte künstlerischer Hervorbringung paßt sie besser –, möge auch, von uns aus, nicht einmal etwas unbedingt Höchstes damit gesagt und gemeint sein. Wir wären gar nicht so sehr versucht, anderes teure und unentbehrliche Kultur- und Seelengut, den "Hamlet" etwa, die "Iphigenie" oder auch die Neunte Symphonie, als "Wunderwerke" zu bezeichnen. Aber die "Tristan"-Partitur – namentlich in ihrer seelisch kaum faßbaren und fast vexatorischen Nachbarschaft mit den "Meistersingern" – und dies beides wieder als bloße Erholung von dem minutiösen Riesengedankenbau des "Ringes" genommen – das ist Wunderwerk. Es ist das Werk einer wahren Eruption von Talent und Genie, das zugleich tief ernste und bedrückende Werk eines ebenso seelenvollen wie vor Klugheit trunkenen Zauberers.