Von M.Y. Cho

Wissen Sie", meinte Tz’u-hsi, an deren Bett ein Porträt der englischen Königin Victoria stand, "ich habe oft gedacht, ich sei die gescheiteste Frau, die jemals gelebt hat, und daß andere sich nicht mit mir vergleichen könnten. Obwohl ich viel von Königin Victoria gehört, auch etwas über ihr Leben gelesen habe, halte ich doch ihr Leben für nur halb so interessant und ereignisreich wie mein eigenes. Sehen Sie dagegen mich an, ich habe 400 Millionen Menschen, die alle von meiner Entscheidung abhängig sind."

Von dieser mächtigen Frau, Tz’u-hsi genannt und im Westen als "Kaiserinwitwe" bekannt, die an der Schwelle des 20. Jahrhunderts China fast 50 Jahre lang regiert hat, handelt die Bildbiographie von

Marina Warner: "Die Kaiserin auf dem Drachenthron – Leben und Welt der chinesischen Kaiserinwitwe Tz’u-hsi 1835–1908"; aus dem Englischen von Klaus Flessel; Verlag Ploetz KG, Würzburg 1974; 269 S., 32 Farbtafeln, 98 Abb.; 49,50 DM.

In diesem deskriptiven Sachbuch – in der Aufmachung einem Kunstband ähnlich – werden Leben und Zeitalter dieser historisch stark umstrittenen Kaiserin allgemeinverständlich und spannend geschildert. Die sozial- und kulturgeschichtlichen Erläuterungen mit Stichworten am Textrand, die genauen Anmerkungen, das ausführliche Register und das Literaturverzeichnis ermöglichen es dem Leser, das Buch auch als Nachschlagewerk zu benutzen. Viele, teilweise erstmals veröffentlichte Photos illustrieren die Biographie der Kaiserinwitwe.

Tz’u-hsi (1835–1908), Tochter eines unbedeutenden Manchu-Mandarins, kam als Sechzehnjährige als eines von sechzig für die Dienste im Palast ausersehenen Manchu-Mädchen an den Hof des Kaisers Hsien-feng, der von 1851–1861 regierte. Ihren Aufstieg von einer der unbedeutenden Nebenfrauen des Kaisers zur späteren Regentin verdankte sie dem Zufall, daß gerade sie dem Kaiser den einzigen Sohn gebar. In der Zeit ihrer Regentschaft für den jugendlichen Kaiser Kuang-hsü (1871–1908) baute Tz’u-hsi ihre Machtstellung dann systematisch aus.

Wir lernen die Intrigenwirtschaft und die Dekadenz am Kaiserhof kennen, aber vor allem das Elend der chinesischen Bevölkerung in dieser Endphase der Manchu-Dynastie. Dabei spielt die Kaiserinwitwe die unrühmliche Rolle, Reformen, wie sie 1898 während der "Hundert Tage der Reformen" eingeleitet wurden, zu unterdrücken. Während Reformer wie K’ang Yu-wei (1858–1927) in dem Kaiser einen aufgeschlossenen und aufgeklärten Freund fanden, stellten sich Tz’uhsi und ihr einstiger Jugendfreund, der Manchu-General Jung Lu, auf die Seite der konservativen Kräfte. Der Kaiser und die Reformer wollten deshalb Jung Lu ermorden. Die ganze Hoffnung hatten sie auf Yüan Shih-k’ai (1859–1916) gesetzt, doch dieser verriet über Nacht alles, indem er Jung Lu von dem Plan in Kenntnis setzte. Jung Lu und Yüan begaben sich in die Verbotene Stadt und benachrichtigten die Kaiserinwitwe. Sie ließ sofort den Kaiser festnehmen und viele Reformer hinrichten.