Von Jürgen Dahl

Daß die Entwicklungsgeschichte mit kleinen Schritten den weiten Weg vom ersten Eiweiß bis zum Menschen gegangen ist, wobei sich jede Stufe aus der vorhergehenden durch irgendeine winzige Veränderung ergab, ist die weithin umstrittene Meinung der Wissenschaft. So überzeugend aber der Gedanke der schrittweisen Evolution sein mag, so schwer fällt aber immer wieder der Versuch, diesen scheinbar einfachen "Mechanismus" auf den konkreten Einzelfall anzuwenden – dann nämlich zeigt sich erst, wieviel ungelöste Probleme die Evolutionstheorie noch enthält. Ein Beispiel dafür sind die raupenähnlichen Larven der Blattwespe Neodiprion sertifer.

Diese Larven nähren sich von den Nadeln der Kiefer und vertragen offenbar – so meinte man jedenfalls bisher – die Harze und die bitteren ätherischen Öle, durch die die Kiefer gegen tierische Schädlinge sonst recht gut geschützt ist. Wenn die Blattwespenlarven angegriffen werden, dann wehren sie sich, indem sie einen kleinen Tropfen zäher Flüssigkeit erbrechen und den Angreifer damit zu betupfen und zu vertreiben suchen. Solche Verteidigungsmethoden sind gerade bei den Insekten sehr verbreitet – aber bei der Blattwespe Neodiprion hat es mit dieser flüssigen Waffe Besonderes auf sich.

Wie Thomas Eisner von der Cornell-Universität in Ithaca jetzt herausgefunden hat, macht es sich die Blattwespenlarve nämlich im Unterschied zu anderen Insekten sehr einfach: Sie bildet nicht wie jene in ihrem Körper eigens eine giftige Flüssigkeit, die sie gegen ihre Feinde verspritzt, sondern speichert in zwei kropfartigen Säcken neben der Mundhöhle die unbekömmlichen Bestandteile der Kiefernnadeln. Freilich: Ganz so einfach ist das nicht. Denn erstens muß das Eßbare auf irgendeine Weise vom nicht Eßbaren getrennt werden, zum anderen muß dafür gesorgt sein, daß jedes von beiden den richtigen Weg geht, daß also die Harze und Öle nicht in den Verdauungstrakt geraten, und drittens schließlich muß das Gewebe der Vorratssäcke gegen die Harzsäuren unempfindlich sein. Alle drei Voraussetzungen sind bei der Larve von Neodiprion gegeben. Die Vorratssäcke sind mit einem chitinösen Belag ausgekleidet und dadurch hinreichend geschützt. Das Muskelgewebe der Säcke ist so außerordentlich stark, daß Eisner annimmt, es wirke bei der Trennung zwischen verdaulichen und unverdaulichen Bestandteilen mit. Wie diese Trennung vonstatten geht, wie es also der Larve möglich ist, während des Kauvorgangs alles Harzige in den Säcken verschwinden zu lassen und nur den Rest wirklich zu fressen, das allerdings ist noch ein Rätsel.

Eisner analysierte nicht nur den Inhalt der Säcke (der mit den Harzbestandteilen der Kiefernnadeln vollkommen übereinstimmt), sondern auch den Darminhalt und den Kot der Larven. Es zeigte sich, daß darin nicht eine Spur der harzigen Substanzen enthalten ist. Der Nahrungsbrei wird demnach absolut zuverlässig in seine Bestandteile zerlegt – was etwa dasselbe bedeutet, wie wenn jemand ein mit vergifteter Wurst belegtes Brot ißt und dabei nur das Brot hinunterschluckt, die Wurst aber in einer Backentasche verstaut.

In den Taschen der Blattwespenlarve sammelt sich nun ein Vorrat des Harz-Öl-Gemisches an. Reizt man die Larve, dann wendet sie sofort ihren Kopf zu dem gefährdeten Körperpunkt und sondert einen Tropfen der Flüssigkeit ab. Es hat sich gezeigt, daß die ätherischen Öle durch ihren Geruch und die Harze durch ihre Viskosität auf Spinnen, Ameisen und Vögel teils abschreckend, teils einfach hindernd wirken. Auch wenn die Larve sich verpuppt, bleibt ihr diese Verteidigungsmöglichkeit zunächst erhalten: Reizt man den Kokon, in den sie sich eingesponnen hat, an irgendeiner Stelle, dann betupft sie diese Stelle von innen mit einem Tropfen aus der Tasche. Erst bei der Verpuppung werden die Taschen abgestoßen, vorher aber im Laufe der Metamorphose so fest verschlossen und verpackt, daß nichts davon hinausdringen und der nun entstehenden Blattwespe gefährlich werden könnte. Die Verpackung ist so fest, daß der Inhalt, wie Eisner fand, nach drei Jahren noch völlig unverändert erhalten ist.

Dies alles ist mehr als eine Kuriosität, es ist vielmehr ein Funktionsgefüge, das bis in die letzten Details von vollkommener Zweckmäßigkeit ist und das, im Lichte der Evolutionstheorie gesehen, sogleich die Frage aufwirft, wie es denn aus irgendwelchen Vorstufen heraus entstanden sein könnte, etwa als eine Spezialisierung aus Blattwespen mit laubfressenden Larven, die, durch anatomische und physiologische Veränderungen begünstigt, auf Kiefernnadeln umsteigen konnten und Schritt für Schritt durch kleine Mutationen den ganzen komplexen Mechanismus entwickelten. Daß solche Zwischenformen in der Natur nur in seltenen Fällen überhaupt auffindbar sind, wird von den Evolutionsbiologen stets damit erklärt, daß diese Formen entweder ausgestorben oder bisher eben noch nicht entdeckt worden sind.