Aber die Diktatur eines neuen Mussolini droht nicht

Von Hansjakob Stehle

Rom, im August

Aufgeschreckt, entsetzt, in dunkelsten Ahnungen von neuem bestätigt und vom Gefühl der eigenen Ohnmacht wie gelähmt – so starrt Italien auf die Trümmer eines Schnellzugwagens der Deutschen Bundesbahn, in dem am Sonntag zwischen Bologna und Florenz zwölf Reisende von einer Terroristenbombe zerrissen wurden. Vor kaum zwei Monaten hatte ein solcher Sprengkörper in Brescia acht Menschen getötet; im April war der Rom-Paris-Expreß nur knapp einer ähnlichen Katastrophe entgangen. Ende Mai faßte die Polizei wenige Meter von der Eisenbahnlinie Florenz–Rom zwei junge Leute mit einem Auto voll von Sprengstoff. Die Verhafteten schweigen. Geredet aber hat unlängst vor Gericht, jener Nico Azzi, dem der Zünder einer Bombe, die er im April 1973 im Turin-Rom-Expreß unterbringen wollte, vorzeitig detoniert war: Er bekannte sich als Anhänger von "SS-Idealen" und nannte als Zweck seiner Aktion, deren Hintermänner er nicht preisgeben wollte, "Panik zu erzeugen", damit "starke Männer" endlich das Ruder des schwankenden italienischen Staatsschiffs ergreifen könnten.

Die Fahne hoch...

Nicht mehr reden konnte hingegen der Terrorist Gian Carlo Esposti, den die Polizei Ende Mai in den Abruzzen mit 30 Kilo Sprengstoff ertappte und – als er die Pistole hob – niederschoß. "Esposti ist gerächt", steht am Ende einer Erklärung, in der sich die Terroristenorganisation "Ordine Nero" (Schwarze Ordnung) als Urheber des Anschlags auf den Brenner-Expreß vom letzten Sonntag bekennt. "Die Nazi-Fahne ist damals 1945 in Berlin nicht untergegangen, sie weht für ein großes faschistisch-nazistisches Italien", heißt es in dem Text, der sich ebenso irrsinnig ausnimmt wie ein anderer, gleichzeitig der Öffentlichkeit zugespielter, den eine – überhaupt nicht existierende – russische Emigrantengruppe zeichnet: Der sowjetische Geheimdienst, der die Kommunisten Italiens an die Macht bringen wolle, habe die Bombe gelegt.

Wieder wie vor zwei Monaten an den Bahren der Opfer von Brescia klammert sich das krisengeschüttelte, von Wirtschafts- und Staatsbankrott bedrohte Italien an das Fundament einer historischen Gemeinsamkeit, die Christen, Liberale und Marxisten verbindet – den Antifaschismus. Er ist zu einer fast schon mythisierten, rein defensiven Beschwörungsformel geworden, deren konstruktive Elemente immer dann von Alltagsquerelen, Wirtschaftsmisere und Parteienstreit wieder zugedeckt werden, wenn eine Zeitlang keine Bomben explodieren. Und wieder drückt sich der Protest in Arbeitsniederlegungen aus, in demonstrativen Lähmungen des öffentlichen Lebens, mit denen man jenen einen Denkzettel verabreichen will, die nichts mehr herbeiwünschen als eben solche Lähmung, die ins totale Chaos münden und das Land zur Diktatur reif machen soll.