Von Karl-Heinz Janßen

Ohne den Zypernkrieg, so ist zu hören, hätte der neue, der dritte Krieg in Vietnam in diesem Sommer die Schlagzeilen hergegeben. Aber da sollte man nicht so sicher sein. Auch vor dem Ausbruch der schweren Kämpfe bei Da Nang am 17. Juli lebte das vietnamesische Volk keineswegs im Frieden. Täglich wurden im Durchschnitt etwa hundert Menschen bei Kriegshandlungen getötet; die Zahl der Gefallenen seit dem sogenannten Waffenstillstand vom Januar 1973 wird auf 90 000 geschätzt. Aber für die Weltpresse, zumal die europäische, ist Vietnam uninteressant geworden, seit die Amerikaner den Kriegsschauplatz verlassen haben.

Präsident Thieu hat, um das kriegsmüde südvietnamesische Volk bei der Stange zu halten, an die Tage der Tet-Offensive von 1968 erinnert. So weit ist die Situation zwar noch nicht gediehen. Aber unverkennbar hat der Krieg um das "Leopardenfell", das Ringen um die Ausweitung der Kontrollzonen, eine neue Phase erreicht. Das nordvietnamesische Oberkommando wendet die gleiche Taktik an wie in den "ruhigen" Jahren zwischen der Tet-Offensive von 1968 und der Osteroffensive von 1972: An bestimmten wichtigen Punkten wird der Gegner zu erhöhtem Kräfteeinsatz gezwungen; seine strategischen Reserven sollen zermürbt, seine Kampfmoral geschwächt werden, ehe der große Schlag erfolgt.

Das Ziel des derzeitigen Angriffs in den Nordprovinzen ist sicherlich noch nicht die Großstadt Da Nang, wohl nicht einmal der nahe gelegene kleine Hafen De Di – zu oft hat man den Nordvietnamesen und den Vietcong die Absicht zugeschrieben, sie wollten Vietnam an der schmälsten Stelle mit einem Durchbruch zur Küste spalten. Dazu reichten ihre Kräfte nie. Aber sie zwingen die südvietnamesische Armee zu verlustreichen Abwehroperationen.

Die Regierung in Saigon und der Vietcong drohen beide, das Waffenstillstandsabkommen zu kündigen. Diese Drohung in die Tat umzusetzen, wäre freilich nicht so leicht, weil auch Nordvietnam und die Vereinigten Staaten Vertragspartner und Garanten sind. Überdies hat eine internationale Vietnamkonferenz von 12 Mächten als oberste Instanz über die Einhaltung des Abkommens zu wachen. Noch können beide Kriegsparteien den "Waffenstillstand" und die dafür nötigen Organisationen nicht entbehren. Wie sich auch im Nahen Osten und auf Zypern studieren läßt, kann man unter dem Deckmantel einer Waffenruhe, die vom Weltsicherheitsrat, den Großmächten oder anderen internationalen Gremien verbürgt wird, mit Gewaltanwendung allerhand militärische Vorteile einheimsen. Ein offener Krieg riefe sofort die Großmächte ins Spiel – bei "Verletzung" des Waffenstillstandes aber drücken sie beide Augen zu, solange die Verletzer nicht in Divisions- oder Armeestärke auftreten. Propagandistisch läßt sich bei diesen "Verletzungen" trefflich wuchern – in Vietnam hat die Saigoner Regierung mittlerweile 50 000, der Vietcong 400 000 registriert.

Das Pariser Abkommen, für das Kissinger und Le Duc Tho den Nobelpreis erhielten, ist praktisch nur noch ein Fetzen Papier. Es hat seinen befristeten Zweck erfüllt: den Krieg zu vietnamisieren, also die Großmächte herauszulösen, die Kriegsgefangenen zu befreien und den Status quo in Vietnam in gewisse Formen zu bringen. Amerika hat damals stillschweigend geduldet, daß Nordvietnam fast seine ganze Streitmacht (jetzt 170 000 Mann) im Süden beläßt, aber es hat seither auch nichts dafür getan, daß der Nationale Versöhnungsrat zustande kommt, in dem die Saigoner Regierung, der Vietcong und die Neutralisten zu gleichen Teilen sitzen sollten. Und die internationale Überwachung des Waffenstillstandes ist eine Farce geblieben. Über die Tätigkeit der Vier-Mächte-Kontrollkommission gibt am ehesten ein Witz Auskunft: Polen und Ungarn vertreiben sich die Zeit mit Volleyball, und die Indonesier zählen die Punkte. Was die Perser treiben, weiß niemand.

Unentwegt und stur verfolgen die Führer Nordvietnams und des Vietcong, verpflichtet dem Testament Ho Tschi Minhs, ihr Fernziel – die Wiedervereinigung Vietnams unter nationalkommunistischem Vorzeichen. Zwei Wege stehen ihnen offen: entweder der militärische (das hieße eine neue Entscheidungsschlacht suchen, die frühestens 1975, vermutlich aber einige Jahre später zu erwarten wäre) oder der politische (das hieße auf eine innenpolitische oder wirtschaftliche Krise in den von Saigon beherrschten Gebieten warten).