Die Entdeckung des Werkes von Georges de la Tour (1593–1652) gehört zu den großen Funden der Kunstgeschichte, zu den großen Leistungen der Kunstwissenschaft. Daß man den Künstler, auch ohne ihn nennen zu können, schon immer schätzte, bezeugt die Liste der Kollegen, denen man wechselweise seine Bilder zuschrieb: Velasquez, Zurbaran, Vermeer. Erst 1863 stößt man in Nancy, im Verlauf von Archivarbeiten, seinen Namen, 1913 nennt der Katalog des Museums von Nantes zwei von ihm signierte Bilder, und 1915 stellte Hermann Voss einen Zusammenhang her zwischen diesen Bildern und den Notizen aus Nancy. Seitdem hat die Rekonstruktion eines Oeuvres, das in seinem ganzen Umfang freilich nie mehr erkennbar werden wird, von Jahr zu Jahr Fortschritte gemacht: In Kindlers Malereilexikon nennt Germain Bazin (1967) knapp 20 Bilder, die Spezialisten, die sich aus Anlaß der großen Georges-de-la-Tour-Ausstellung in Paris versammelten (1972), kamen auf 38 Originale, wobei manche Bilder, wie zum Beispiel der hier abgebildete "Falschspieler", in zwei Fassungen existieren; und wobei der Berliner "Hl. Sebastian" sich gegenüber der Fassung von Bois-Anzeray in Frage stellen lassen mußte als eine möglicherweise "hervorragende – vom Meister selbst überwachte – Kopie". Es wird bei Georges de la Tour im Laufe der nächsten Jahre, wenn die Pariser Anstöße weiter verfolgt und die Ergebnisse ausgewertet werden, noch manche Zuschreibung geben (und, wenn man dann genügend zugeschrieben hat, die obligaten Abschreibungen). Insgesamt aber steht Georges de la Tour heute unbestritten all einer der wichtigsten Maler im Frankreich des 17. Jahrhunderts da. Der Versuch einer umfassenden Darstellung dieses Werkes, wie ihn Pierre Rosenberg und François Mach de Lepnay jetzt unternommen haben ("Georges de la Tour – Leben und Werk"; Gebr. Mann Verlag, Berlin; 208 S. mit 80 Abb., 47 Farbt., 115,– DM) ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur berechtigt, sondern notwendig. Seinen ersten Entdeckern nämlich (und auch noch Germain Bazin) gilt de la Tour als Maler der Nachtstücke, der sich des Chiaroscuro bedient, "um das geheimnisvolle Leben der Seele einzufangen". Dabei sind selbst diese Nachtbilder, auf denen das Licht einer Kerze oder Fackel ein in der Konzentration des Schattens versunkenes Gesicht oder eine in der Geste erstarrte Hand aus dem Dunkel des Hintergrunds herausmeißelt, von einer distanzierten Doppeldeutigkeit, die Gefühle weder ausdrückt noch evoziert. Und die lange vernachlässigten "Tagebilder" zeigen ihn als einen Meister der kühlen, fast zynischen Darstellung menschlicher Bosheit. Der hervorragend gedruckte, mit einem bebilderten Werkverzeichnis versehene Band enthält alles, was es heute zu dem Thema Georges de la Tour zu sagen und zu zeigen gibt.

Petra Kipphoff