Von Wilfried Kratz

Ein mächtiges Banner nimmt fast die ganze Stirnseite seines Arbeitszimmers ein. Es ist eine der vielen Traditionsfahnen der britischen Arbeiterbewegung, wie sie zu Tausenden in Versammlungslokalen hängen. Das Tuch, eine Leihgabe der Transport and General Workers Union ("das ist meine eigene Gewerkschaft") erinnert den Minister daran, wo die Labour Party ihre Wurzeln hat.

Besucher sehen die harmlosere Seite des Banners, eine Art Engel, der Arbeitsmann und Arbeitsfrau über dem Spruchband zusammenführt: "Vereint zur Erlangung der gerechten Früchte unserer Arbeit." Die Rückseite ist aggressiver. Sie zeigt einen triumphierenden David über einem besiegten Goliath und den Spruch: "Wer frei sein will, muß zuschlagen."

"Es kommen auch Industrielle hierher", erklärt Anthony Wedgwood Benn sein Fahnenarrangement. Die Unternehmer sollen nicht auch noch unnötig provoziert werden, nachdem sie sich von Benns Vorschlägen unter den Stichworten "Verstaatlichung – Kontrolle – Planung" ohnehin bereits heftig attackiert fühlen.

Im Unternehmerlager ist der Industrieminister das bestgehaßte Mitglied der Regierung Wilson. Benn gilt nicht mehr als politischer Leichtgewichtler, der vom Kabinett jederzeit zurückgepfiffen werden kann, wenn das Establishment befürchtet, daß er mit wilden Reden die Wähler verprellt. "Es ist nicht meine Politik" wendet Benn sofort ein, "es ist die Politik der Partei." Und er hält diese Waffe stets gegen seine innerparteilichen Widersacher bereit, die das Tempo seines Marsches in den Sozialismus selbst kritisieren.

Mit Ausdauer und Fleiß hat Benn seine Machtbasis in der Partei erweitert, indem er mehr Macht für die Basis propagierte. Damit gefiel er den Parteiarbeitern, den Gewerkschaftsfunktionären, die immer wieder erleben mußten, daß Diskussionen und Beschlüsse des Parteitages von der Fraktion im Unterhaus, dem Schattenkabinett oder einer Labour-Regierung abgeschüttelt wurden. Benn gab dem Parteivolk das Gefühl, daß er ernst nimmt und weiterträgt, was von unten kommt, und er hat immerhin erreicht, daß eine Labour-Regierung heute nicht mehr so leicht ignorieren kann, was auf dem Parteitag gesagt und beschlossen wird.

Hand in Hand ging seine Hinwendung zu den Gewerkschaften, gegen die eine Labour-Regierung nicht regieren kann. Wilson mußte diese Erfahrung machen, als er 1969 ein Streikkontrollgesetz durchdrücken wollte. Der Widerstand der Gewerkschaften wurde zu stark, und Wilson sah sich schließlich gezwungen, die weiße Fahne zu zeigen.