Der Streit um Berlin muß durchgestanden werden

Von Theo Sommer

Kleine Krise, große Krise? Berlin: bloß ein Knirschpunkt im Ost-West-Getriebe – oder aber das Grab der Entspannungspolitik? Der Streit um das Umweltbundesamt: notwendige Kraftprobe oder überflüssige Kraftmeier rei? Die Proteste, die ins Leere stießen, die alliierten in Moskau und die westdeutschen in Ostberlin: diplomatische Pflichtübungen wider alle Hoffnung – oder Auftakt einer neuen Konfliktphase im Verhältnis zwischen Ost und West?

Ganz genau wissen wir es noch nicht. Vieles deutet darauf hin, daß weder Moskau noch die SED-Führung ein Interesse daran haben, den Fall zu eskalieren und den Disput zum Grundsätzlichen hin auszuweiten. Und vieles spricht gleichzeitig dafür, daß Bonn lieber nicht versuchen sollte, allzusehr auf die Pauke zu hauen – vor allem das Argument, daß man nichts tun sollte, was der DDR den Rückweg zur Vernunft verlegen könnte. Gleichwohl sind aus dem jüngsten Streit einige ernüchternde Lehren zu ziehen.

Zum einen ist die Lehre bekräftigt worden, die sich schon aus früheren Vorkommnissen hat ziehen lassen: Das Viermächteabkommen über Berlin bringt dem Westen zwar allerhand erkleckliche Vorteile, aber keine verläßliche Störfreiheit. Vieles ist unbestreitbar besser im Verkehr zwischen der Bundesrepublik und den Westsektoren der alten Reichshauptstadt; manches indes harrt noch der endgültigen Klärung.

Zweitens hat sich bestätigt, daß das Viermächte-Abkommen wohl im Kern verbindlich ist, in wichtigen Detailfragen aber auslegungsfähig bleibt. Das gilt besonders für den Charakter der Beziehungen zwischen Berlin (West) und der Bundesrepublik. Die Zuordnung der Westsektoren zum Bund ist unbestritten, deren Charakter jedoch unterliegt auf beiden Seiten verschiedener Interpretation. Eben dieser Bereich macht die "Grauzone" aus, in der beide Seiten ihre eigenen, Ansprüche aufrechterhalten, ohne zum Kompromiß fähig oder bereit zu sein.

Nackter Machiavellismus