Es ist offenbar eine Sache, saturiert an der Croisette von Cannes zu sitzen und mit fünfzig oder mehr Filmen einer globalen Monster-Musterschau fertig werden zu müssen; und eine ganz andere Sache, irgendeinen dieser Filme in dem sozialen Kontext zu sehen, aus dem er kommt. Auch die kosmopolitischste der Künste, der Film, läßt sich ganz ohne Rücksicht auf Zeit und Ort nicht verstehen; die Versuchung, es dennoch zu tun, dieses universalistische Mißverständnis führt dann notgedrungen zu ganz besonders krassen Fehleinschätzungen.

Anders läßt sich nicht erklären, was dem Film „La prima Angelica“ erklären, Angélica) des spanischen Regisseurs Carlos Saura zustieß. Saura, 1932 geboren, mit Luis Buñuel befreundet, Schwiegersohn von Charlie und Oona Chaplin (denen „La prima Angelica“ gewidmet ist), ist weit und breit der einzige jüngere spanische Filmregisseur, von dem auch im Ausland Notiz genommen wurde: Spaniens einziges Antidotum gegen den totalen filmischen Provinzialismus. Diese Position fiel ihm nicht von selbst zu: Sein Werdegang ist auch die Geschichte einer ständigen zähen Auseinandersetzung mit der spanischen Zensur. „Es ist schwierig, die spanische Wirklichkeit im Kino, im Fernsehen oder in der Literatur direkt darzustellen“, sagte er 1973 in einem Interview mit „Le Monde“. „Die Zensur einem Man muß Umwege gehen. Dabei befinde ich mich noch in einer privilegierten Situation. Ich bin der einzige, den man kontinuierlich arbeiten ließ.“

„La prima Angelica“, in Cannes immerhin mit dem Sonderpreis der Jury bedacht, tauchte in den deutschen Festspielberichten kaum auf, und wenn, dann war er mit ein paar kühlen Worten („steril“, lieber fünf Minuten Buñuel als anderthalb Stunden Saura, „unpolitisch“) meist so schnell und schnöde und bemerkenswert verständnislos abgefertigt, daß er in den deutschen Kinos keinerlei Chance hat; wenn das deutsche Fernsehen ihn, wie frühere Saura-Filme, irgendwann in den nächsten Jahren einmal zeigt, wäre das schon viel.

Steril? Unpolitisch? Ein fader Bunuel-Verschnitt? In Spanien ist man dieser Meinung nicht. Dort findet man im Gegenteil, daß es sich um den gewagtesten Film der franquistischen Ära handelt, die kaum noch „Umwege“ gehende Diagnose eines moribunden Regimes, das heute erschüttert ist von der Umwälzung in Griechenland, mehr noch von der unblutigen Revolution im Nachbarland Portugal, und für das die Thromboflebitis des vergreisten Caudillo eine geradezu symbolische Bedeutung gewonnen hat.

Gedeckt von der aus Cannes mitgebrachten Anerkennung, gelang es Saura, dem Film die Aufführungsgenehmigung zu verschaffen; sogar die am heftigsten beanstandete Szene, in der eine Gipsschiene den verletzten Arm eines falangistischen Kämpfers zum Heil-Gruß hochhält, brachte er schließlich unbeschadet durch die Zensur.

Trotzdem läuft „La prima Angelica“ bisher fast nur in Madrid und Barcelona und auch dort nicht immer. Wiederholt wurden die Vorstellungen durch falangistische Schlägertrupps gestört, bewaffnet mit Stahlketten und Stinkbomben; vor allem die falangistische Studentenjugend tat sich hervor. Die leicht verdrehte Situation ist die, daß ein regimekritischer Film gespielt werden durfte, daß aber die um ihr Mobiliar besorgten Filmtheaterbesitzer der Provinz ihn nicht zu spielen wagen; und daß Francos Polizei jene Kinos bewacht, die ihn dennoch spielen.

Was „La prima Angelica“ für Spanien politisch so brisant macht, ist leicht gesagt: Er rekapituliert die letzten vierzig Jahre Spaniens mit einer völlig unverhohlenen Sympathie für die im Bürgerkrieg unterlegene Seite; und er behauptet, daß die heute im spanischen Bürgertum sich ausbreitende ignorante Wohlstandsmentalität eine Fortsetzung des falangistischen Fanatismus mit anderen Mitteln ist; er zeichnet eine gelähmte Gesellschaftsschicht, die es noch nicht einmal so recht zu diskretem Charme gebracht hat.