Welche Qualifikation kann man heute von einem Herausgeber, insbesondere einem links orientierten Herausgeber erwarten? Nur den ideologischen Bärenführer-Nachweis oder auch sachliche Kompetenz bei der Auswahl von Themen und Autoren?

Die Frage stellt sich nach der Lektüre des zweiten, ebenfalls von Hans Christoph Buch herausgegebenen "Literaturmagazins" (Rowohlt Taschenbuch Verlag). Dort ist im Anhang – zusammen mit einer Entgegnung des Rowohlt-Geschäftsführers Matthias Wegner – jener Aufsatz von Michael Schneider über "Die Produktions- und Verwertungsbedingungen der Literatur im Zeitalter der Monopole" abgedruckt, der bereits für die erste Ausgabe vorgesehen war und zur höhnischen Genugtuung der Linken "auf ausdrücklichen Wunsch des Verlags" in das jetzige Heft verschoben wurde. Michael Schneider vertritt in seinem Beitrag die nicht eben neue These von der Ausbeutung der Autoren und den zu Großunternehmen konzentrierten Verlagen, die nur darauf aus seien, durch manipulierte Bestseller ihre Profite zu maximieren und die eigentlich brauchbare Literatur in den Schatten des Buchmarkts zu verbannen oder ganz zu verdrängen. Daran knüpft er – wie kaum anders zu erwarten – die Forderung nach der "Vergesellschaftung der verlegerischen und medialen Produktionsmittel". Die Vergesellschaftung sei zu einer Überlebensfrage der Literatur und Kunst überhaupt geworden.

Über diese Meinung läßt sich diskutieren. Es sprechen zwar – meiner Ansicht nach – eine ganze Reihe von Fakten dagegen, aber auch einige dafür. Nicht diskutieren läßt sich dagegen über die Mittel, die Schneider für den scheinbar schlüssigen Beweis seiner Thesen einsetzt: falsche Zahlen, halbe Wahrheiten, dubiose Quellen.

Bei der Lektüre des Artikels kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Da gibt es plötzlich Buchhandelsketten, die Großverlagen angeschlossen sind und fast nur noch Bestseller oder bestsellerverdächtige Bücher offerieren (andererseits laut Schneider aber "umfassende Information" bieten). Da gedeiht das bisher nur in Ansätzen erkennbare (Verlust-)Geschäft mit der Fernsehkassette zum großen Gewinnbringer der siebziger Jahre, da werden (wie schmeichelhaft) den Bertelsmann-Verlagen Mindestauflagen von 50 000 bis 500 000 Exemplaren angedichtet. Bestseller sind in dieser Sicht natürlich jederzeit machbar, wenn man nur Geld genug für die Werbung einsetzt, und der "Brenner-Runde", einer inzwischen aufgelösten Werbegemeinschaft von sechs "Bestseller-Verlagen", wird nachträglich und sicher zum großen Erstaunen der betreffenden Verlage der Erfolgslorbeer umgehängt. Der Schutz des Urheberrechts dauert bei Schneider nicht siebzig, sondern fünfzig Jahre, die Preisdifferenz zwischen Original- und Buchgemeinschaftsausgaben beträgt nicht zwischen 30 und 38, sondern ganze vier Prozent, und der Erfinder des Werbemagazins "Buch aktuell" heißt nicht Bodo Harenberg, sondern Bodo Strauß.

Jürgen Manthey, Mitherausgeber des "Literaturmagazins" und Herausgeber der Taschenbuchreihe "das neue buch", in der diese neuartige Kulturzeitschrift erscheint, verteidigt Schneiders Beitrag mit dem Hinweis, die Tendenz sei schließlich richtig. Was kümmern da die Fakten?

Immerhin: auch ein anders aufgeklärter Zeitgenosse kann bei Michael Schneider noch etwas lernen. Wenn Autoren wie er wieder für den längst totgesagten Dichter und Denker plädieren, der sich nicht den aktuellen Medien verdingen muß, dann weiß man künftig wenigstens den Grund: Journalistische Arbeit erfordert oft aufwendige Recherchen, denn kein seriöser Redakteur könnte es sich leisten, Sammelsurien von ideologischen Klischees und falschen Informationen zu drucken oder zu senden. Derlei Beiträge zu schreiben und zu publizieren, bleibt vorerst das Privileg von Buchautoren und Buchherausgebern. Heidi Dürr