Von Horst Rautenhaus

Man muß weit zurückdenken, wenn man ein Formel-I-Weltmeisterschaftsjahr als Ferrari-Saison bezeichnen will. Vor genau zehn Jahren, 1964, gab es die letzte. Der Engländer John Surtees gewann auf einem der roten Renner aus Modena die Weltmeisterschaft der Grand-Prix-Piloten. 1974 nun scheint sich für die Italiener derselbe Erfolg anzubahnen. Das, was man vor zehn Jahren mit sehr viel Glück erreichte, ist heute recht nahe gerückt. Doch nicht so sehr mit Glück, sondern mit Können und überlegenem Material will man diesmal das gesteckte Ziel erreichen.

Die beiden Ferrari-Piloten, Lauda und Regazzoni, waren es, die 1974 in den bisherigen Läufen zur WM auf den Rennkursen Furore machten. In der Weltmeisterschaft lagen sie vor dem großen Preis von Europa, der am Sonntag auf dem Nürburgring ausgetragen wurde, mit nur einem beziehungsweise zwei Punkten Rückstand hinter dem Spitzenreiter Emerson Fittipaldi aus Brasilien. Der vierte im Bunde der großen Vier war der Südafrikaner Jody Scheckter, der in diesem Jahr seine erste große Grand-Prix-Saison fährt, schon zweimal gewann und nur ebenfalls zwei WM-Punkte hinter Fittipaldi lag.

Diese vier waren – neben den beiden Deutschen Hans-Joachim Stuck und Jochen Mass – der Mittelpunkt des Interesses auf dem Nürburgring. Lauda, von dem noch vor zwei Jahren, in seiner ersten Formel-I-Saison auf einem March an gleicher Stelle fast niemand Notiz genommen hatte, war diesmal ständig von einer neugierigen Menge umlagert. Das österreichische Fernsehen, hatte, wie schon zu vielen Rennen in diesem Jahr, eigens eine TV-Mannschaft nach Deutschland entsandt, die Lauda – auch wie in jedem Rennen – nach seinen Chancen und Ansichten ausfragte. Selbst Troubadour Udo Jürgens war zur Unterstützung in den Westen geeilt, er pendelte an den Boxen zwischen Lauda und Mass hin und her, allein man beachtete ihn wenig.

Für die Österreicher ist es klar, das Lauda der Welt bester Pilot ist, in den Alpentälern sieht man ihn schon als Nachfolger von Jochen Rindt, dem Österreicher, der 1970 Weltmeister wurde. Aus den Schaufenstern der österreichischen Raiffeisenkasse, die Lauda finanziell unterstützt, prangen Rennwagenplakate mit der Unterschrift: Mit Vollgas ins Leben.

Ganz anders beurteilt man Clay Regazzoni, Laudas Teamgefährten. Das Privatduell um die bessere Trainingszeit hat er gegen Lauda in neun von elf Fällen verloren, vor Regazzonis Erfolg am Ring hatte Lauda zweimal, Regazzoni in diesem Jahr noch gar nicht gewonnen. Doch nach Punkten führt der Mann, den die Mechaniker als einen der ihren ansehen, der mit ihnen Fußball – spielt, sich dabei einmal den Arm brach und einige Rennen ausfallen lassen mußte. Was für ein Wandel auf dem Nürburgring: Vor dem Start eine finstere Miene, besorgte Blicke. Die Journalisten kümmern sich kaum um ihn, Lauda ist der Star. Nach dem Rennen: Regazzoni als der strahlende Held, er kann mit dem Lächeln gar nicht aufhören, als er auf dem Siegerpodest steht. Zum erstenmal seit drei Jahren wieder GP-Sieger, und gleichzeitig Führung in der WM.

Neben ihm steht Jody Scheckter, der krausköpfige Südafrikaner, Spitzenfahrer bei Tyrrell und Nachfolger von Jackie Stewart. Ein neuer Rundenrekord steht für den Nürburgring-Neuling zu Buche. Zweiter Platz im Rennen, zweiter Platz in der WM. Scheckter sieht auf dem Siegertreppchen aus wie ein Kind bei der Weihnachtsbescherung. Noch zu Beginn dieser Saison wollte er das Rennfahren aufgeben, weil sich die erhofften Erfolge nicht einstellten, doch dann kam mit einem neuen Wagen plötzlich der Durchbruch: zwei Siege, mit denen man nicht mehr gerechnet hatte. Jackie Stewart, noch heute bei jedem Rennen als Zuschauer dabei, sagte mir: „Hier am Ring wird Jody es schwer haben, aber in der WM sollte er mit seinem Talent und meiner Erfahrung ganz vorn landen.“