Von Andreas Kohlschütter

Athen, im August

Besteht nicht Träumen darin, ob ein Mann nun schläft oder wacht, daß ein Trugbild an die Stelle der Realität tritt?"

Für die Griechen von heute hat diese von Plato einst aufgeworfene Frage schicksalsschwere Bedeutung. Getrieben von den bösen Erinnerungen an die Militärdiktatur, angefeuert von den Hoffnungen auf demokratische und freiheitliche Erneuerung, versuchen sie zwischen Alptraum und Traum ihre neue Wirklichkeit in den Griff zu bekommen. Das ist nicht leicht, denn alles ist im Fluß. Griechenland ist unterwegs.

"Ich werde alle meine Kräfte zur Wiederherstellung der Demokratie einsetzen", hatte Konstantin Karamanlis vor zwei Wochen unmittelbar nach seiner stürmisch gefeierten Rückkehr aus dem Pariser Exil versprochen. Der neue Athener Regierungschef ist fest entschlossen, sein Wort zu halten. Das beweist er Tag für Tag. Aber er ist nicht bereit, sich unter Zeitdruck setzen zu lassen. Er tritt den langen, hindernisreichen Marsch zurück in die Freiheit in kleinen Schritten an, "mit der Behutsamkeit und Vorsicht eines Mannes, der ein Minenfeld durchqueren und gleichzeitig eine Zeitbombe entschärfen muß", wie ein westlicher Diplomat meinte.

Noch erscheint alles provisorisch und noch wirkt Griechenland nur "neu auf Widerruf". Karamanlis hat seine Emigrantenkoffer bis heute nicht richtig ausgepackt. Er residiert weiterhin im Hotel "Grande Bretagne", als wolle er selber den vorläufigen Charakter seiner Präsenz warnend unterstreichen. Einer der neu installierten Minister will weder die kahlen Wände seines Büros ausschmücken noch sich im luxuriösen amerikanischen Dienstwagen herumchauffieren lassen: "Es ist besser, daß man sich gar nicht erst daran gewöhnt. Wer weiß, vielleicht sind wir schon bald wieder in der Opposition." Und das Gerücht, es seien zwei Lastwagen mit Soldaten vor den Fernseh- und Rundfunkhäusern auf gefahren, kann noch immer eine ganze Athener Tischgesellschaft, in der gerade die neue politische Karriere eines Juntagegners gefeiert wird, aus der Fassung bringen und alles in Frage stellen.

Die wiedergewonnene griechische Freiheit ist überall zu spüren, aber sie lebt noch immer von der Hand in den Mund. Der von der Diktatur verhängte Ausnahmezustand bleibt in Kraft, ohne daß die damit verbundenen repressiven Sondervollmachten ausgeübt werden. Die Antikommunistengesetze der Junta gelten weiter, aber sie werden zur Zeit nicht angewandt. Die Pressezensur wurde offiziell nie aufgehoben, sie wird jedoch nicht mehr praktiziert.