Soll das Abitur abgeschafft werden?

Auf jeden Fall soll das Abitur abgeschafft werden, denn es ist durch Psychologen und Experten erwiesen, daß das Reifezeugnis nicht die wirklichen Leistungen und Fähigkeiten nachweist. Im Gegenteil: Leistungsdruck, Streß und Prüfungsangst machen das Abiturzeugnis zur Farce. Sylvia Dörr, 17 Jahre

Das Abitur ist sehr problematisch geworden. Herausgerissen aus seiner elitären Position als Bildungsziel der höheren Schichten ist es dadurch aufgewertet, daß es durch entsprechende Bildungswege auch an untere Schichten herangeführt wurde, wenn auch nicht in dem Maße, daß es dem Anspruch "Gleiche Bildungschancen für alle" gerecht werden könnte. Abgewertet ist es dadurch, daß es nicht mehr als Berechtigung zum Studium anzusehen ist. So erscheint das Abitur als Ziel fragwürdiger denn je.

Die Folgerung daraus wäre, das Abitur abzuschaffen. Aber was soll an seine Stelle treten, mit welcher Qualifikation soll man zum Studium zugelassen werden? Test und Aufnahmeprüfung auf der einen Seite und die Einbeziehung von Berufsausbildungen auf der anderen scheinen mir noch weniger geeignet als das Abitur; das erste, weil man in Prüfungen wohl kaum die Qualifikation des einzelnen für das Hochschulstudium erkennen kann, das zweite – hier bin ich nicht ganz unberührt vom humanistischen Geist –, weil dann das Studium noch mehr als bisher auf den zukünftigen Beruf konzentriert wird, also die materielle Seite das Studium beherrscht.

Die Allgemeinbildung, die allen Unkenrufen zum Trotz doch in den Gymnasien verbreitet wird, würde in den Hintergrund treten, das auf den Beruf abgestimmte Studium würde das gesamte geistige und kulturelle Leben verarmen lassen. Die Universität braucht eben mehr die geistige Freiheit als Leistungsdruck und Profitstreben. Es scheint sich doch kein vernünftiger Ersatz für das Abitur anzubieten.

Peter Marquardt, 17 Jahre

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