Von Ulla Fölsing

Nach der neuen Approbationsordnung ist die Medizinsoziologie Bestandteil der vorklinischen Ausbildung. Die künftigen Ärzte werden so zumindest auf der Universität nicht mehr daran vorbeikommen, sich mit den Wechselwirkungen von Medizin und Gesellschaft zu beschäftigen. Ein brauchbarer Einstieg in das Studium der Abhängigkeiten zwischen Gruppe und Individuum, Gesundheitswesen und Gesamtgesellschaft könnte dieser neue Reader sein:

Volker Volkholz, Gine Elsner, Brigitte Geissler, Monique Kriescher-Fauchs, Peter Thoma (Hrsg.): "Analyse des Gesundheitssystems. Krankheitsstruktur, ärztlicher Arbeitsprozeß, Sozialstaat. Reader zur Medizinsoziologie"; Athenäum Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1974; 428 S., 20,80 DM.

An insgesamt 19 medizinsoziologischen Standardtexten, Erstübersetzungen und Originalarbeiten läßt sich der derzeitige Entwicklungsstand der noch jungen Bindestrich-Soziologie ablesen. Echter Lernstoff dürfte die systematische Übersicht gesundheitspolitischer Kontroversen am Schluß des Buches sein. Ansonsten erleichtern die Herausgeber dem Leser die Orientierung nicht gerade: die Heterogenität von Autoren, Einzelproblemen und methodischem Ansatz beispielsweise, die solche Anthologien facettenreich, aber auch für den Neuling verwirrend macht, hätte eigentlich einen breiteren, verbindenden Text verlangt.

Nacheinander werden wissenschaftstheoretische Grundlagen der Medizin, Krankheitsbilder in der Gesellschaft, der Sozialstaat mit seinem Versicherungswesen, der Pharmamarkt, der ärztliche und der pflegerische Arbeitsprozeß abgehandelt. Auf diese Weise kommt ein stattlicher Mängelkatalog des bundesdeutschen Gesundheitswesens zusammen, der in zahlreiche Reformvorschläge mündet.

Auch diese Soziologen können indessen kaum Patentrezepte für eine verbesserte ärztliche und pflegerische Leistung anbieten. Sicher tun sie recht daran, dem sozialen und ökonomischen Hintergrund des Gesundheitssystems in der Bundesrepublik mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es die traditionelle Sozialmedizin gewohnt war. Wenn allerdings behauptet wird, daß das bundesdeutsche Gesundheitswesen lediglich "durch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu einer voll entfalteten kapitalistischen Produktionsweise zu begreifen ist", dann machen es sich die Herausgeber, die meist an der Freien Universität Berlin forschen und lehren, in modischer Attitüde etwas einfach.

Das mitunter ausufernde Gewinnstreben von Ärzten sollte jedenfalls nicht mit den Auswüchsen des Kapitalismus verwechselt werden. Im Gegenteil, die heutige gesundheitspolitische Mangelsituation ist eher antikapitalistischen Ursprungs. Entstand doch die ständische Subkultur der Ärzte im 19. Jahrhundert aus dem Bemühen heraus, die ärztlichen Privilegien gegen die aufziehende moderne Wirtschaftsordnung zu verteidigen und die Einordnung der ärztlichen Tätigkeit in die Reichsgewerbeordnung zu verhindern.